Kreatives Tun beruhigt den Geist

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In einer zunehmend komplexen Welt suchen viele Menschen nach Wegen, um Stress abzubauen und Ruhe zu finden. Eine Möglichkeit, dies zu tun, ist das Malen. Studien haben gezeigt, dass das Malen eine beruhigende Wirkung auf die Psyche hat und helfen kann, die Stimmungslage zu verbessern. Mit diesem Artikel werden Ideen gezeigt, wie das Malen zur Entspannung beitragen kann. Zwei niederschwellige Techniken zeigen auf, dass Malen für jedermann geeignet sein kann. Egal ob alt oder jung, Anfänger*in oder Fortgeschrittene*r: Das Malen kann jedem*jeder helfen, Stress abzubauen, den Geist zu beruhigen und innere Balance zu finden.

Kreatives Ventil

Arbeiten, Erledigungen, Haushalt, Familie, Termine … der Alltag hat einen meist fest im Griff und lässt wenig Zeit für sich selbst. All die vielfältigen positiven wie negativen Eindrücke des Alltags fordern sehr und bedürfen eines Ausdruckes bzw. eines Ventils.

Eindruck ohne Ausdruck erzeugt Druck. In welcher Form man den Herausforderungen des Alltages begegnet, bzw. wie man seine persönliche Insel schafft, kann so unterschiedlich aussehen, wie Menschen eben individuell sind: in der Natur sein, Musizieren, ein gutes Buch lesen, Brot backen, Tanzen, Schreiben, Singen u. v. m.

Eine sehr spannende Form des Energietankens kann das Malen sein. Malen zur Entspannung fördert nicht nur Freude und Kreativität, es bietet auch physische, emotionale und kognitive Vorteile. Inzwischen hat auch die Wissenschaft dieses Feld beforscht und mit einer wachsenden Menge an Studien belegt, dass das Malen positive Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden hat. Von der blutdrucksenkenden Wirkung über die Stärkung des Immunsystems, die Linderung von Angstzuständen und depressiven Verstimmungen bis hin zur Konzentrationsförderung und zur deutlichen Steigerung der Problemlösungsfähigkeiten reichen die umfassenden Erkenntnisse, wie Malen das Wohlbefinden verbessern und Stress abbauen kann. Abgesehen davon, dass kreatives Schaffen eine sehr unterhaltsame Erfahrung sein kann.

Nach Farben sortierte Buntstifte sehen, stehen mit der Spitze nach oben in runden Behältern.

Dem Stress mit Farbe begegnen      

Es gibt viele Möglichkeiten, wie Malen zur Entspannung eingesetzt werden kann. Grundsätzlich können Menschen durch den Fokus auf den Malprozess ihre Gedanken beruhigen und sich von stressigen oder belastenden Situationen distanzieren. Malen als eine Form der kreativen Selbstzuwendung und Selbstregulierung kann eine einfache und effektive Methode sein, um Stress abzubauen und das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern. Warum also nicht mal einen Stift oder Pinsel in die Hand nehmen und es ausprobieren?

Einige Leser*innen dieses Artikels höre ich setzt sagen: „Ich kann nicht malen“. So viele Menschen glauben, dass sie nicht malen können, haben vielleicht auch schlechte Erfahrungen gemacht und meiden daher diese Form der kreativen Betätigung. Oftmals steht auch der persönliche Leistungsanspruch im Weg. Das ist schade, denn dadurch nimmt man sich selbst die Möglichkeit, sich auszudrücken oder eine Form des kreativen Ventils. In der Tätigkeit des Malens zu Entspannung liegt nicht das Ziel, die perfekte Technik, das perfekte Ergebnis zu liefern. Es geht um leistungsfreien Ausdruck und die Freude am Tun. Wenn dabei auch noch ansprechende Werke entstehen, dann ist dies ein angenehmer Nebeneffekt, jedoch niemals das Ziel.

Jeder Mensch kann unabhängig von Malkenntnissen lernen, wie man durch diese Form des kreativen Ausdrucks Entspannung finden kann. Der erste Schritt ist der wichtigste: Seien Sie offen und lassen Sie Ihre*n innere*n Kritiker*in beiseite. Beginnen Sie mit einfachen Techniken. Nehmen Sie sich Zeit, um zu erkunden, welche Möglichkeiten es gibt und welche Technik Sie ausprobieren möchten. Am Markt gibt es viele Bücher, Kurse oder Tutorials, die helfen können. Nutzen Sie diese Impulse, um herauszufinden, was Ihnen persönlich zusagt. Malen kann eine wunderbare Möglichkeit sein, um Stress abzubauen und Freude in das Leben zu bringen. Indem Sie verschiedene Techniken und Methoden ausprobieren, können Sie herausfinden, was für Sie am besten funktioniert und welche Erfahrungen Sie machen möchten.

Ornamente in Form eines Mandalas auf hellgrünem Hintergrund

Struktur und Rhythmus

Zwei sehr niederschwellige und wirksame Methoden, um das Malen bzw. Zeichnen zur Entspannung zu nutzen, sind Mandalas und Zentangles.

Mandalas sind künstlerische Darstellungen, welche in vielen Kulturen auf der ganzen Welt bekannt sind. Das Wort „Mandala“ stammt aus dem Sanskrit und bedeutet wörtlich übersetzt „Kreis“. Ein Mandala ist ein geometrisches Muster, das sich oft um einen zentralen Punkt dreht und in vielen Kulturen als Symbol der Harmonie und des Gleichgewichts gilt. Die heutige Mandalamalerei nutzt diese jahrhundertealte Methode, um eine kreative Entspannungstechnik zu bieten.
Vielen sind Mandalas bekannt, vielleicht jedoch noch nicht der (ent-)spannende Hintergrund. Zu schnell werden Mandalas in die Kategorie „Beschäftigung für Kinder“ gestellt, was ihrem Potential nicht gerecht wird. Mandalas können sehr viel mehr.

Mandalas können – vorausgesetzt sie werden reflektiert eingesetzt – dazu beitragen, die Konzentration und das Gedächtnis von Kindern zu verbessern. Sie können auch verwendet werden, um Kindern zu helfen, ihre Emotionen auszudrücken und mit Stress und Angst umzugehen. Das Malen kann eine beruhigende Wirkung haben und Kindern helfen, sich zu entspannen und zur Ruhe zu kommen. Eine Sammlung von unterschiedlichen Mandalas von guter Qualität (siehe Literaturtipp) ist dafür Voraussetzung.

Doch Mandalamalerei eignet sich nicht nur für sehr junge Menschen. Auch Erwachsene können von dieser kreativen Technik profitieren. Der Markt für Mandalamalerei hat in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung erlebt. Die Themen Stressbewältigung und Entspannung sind zentral im Alltag. Eine Palette von Angeboten bietet Vorlagen und Anleitungen zu dieser Technik. Es gilt dabei gut hinzuschauen und kritisch zu prüfen, ob es qualitätsvolle Materialien und reflektierte Anleitungen sind. Fündig wird man immer.

Mandalas können sehr viel mehr, als Beschäftigung für Kinder sein.

Zentangle ist eine neuere, kreative Technik, die aus dem Zen-Meditationszeichnen entwickelt wurde. Es handelt sich um eine Methode des strukturierten Zeichnens, bei der wiederkehrende Muster und Formen auf einem kleinen Papierformat, auch „Kachel“ genannt, angeordnet werden, um eine größere Komposition zu schaffen. Die Technik wurde von Rick Roberts und Maria Thomas in den späten 2000er Jahren entwickelt und nimmt das allen Menschen bekannte Telefonkritzeln als Impuls, um in diese Technik einzusteigen. Im Zentangle gibt es keine Regeln. Es reichen einfache Materialien aus: mit einem Stift und Papier ist man schon dabei. Muster können auch erlernt und neu kombiniert werden. Auch für diese Technik bietet der Markt viele Möglichkeiten, aus denen man seine bevorzugte Richtung wählen kann.

Beide Techniken, Mandala und Zentangle, haben etwas gemeinsam: Wiederkehrende Muster und Formen geben eine Struktur oder einen Rhythmus für den Menschen vor. Dies gibt Orientierung und Sicherheit beim Malen oder Zeichnen. Sie sind niederschwellige Techniken, die, vorausgesetzt, sie werden reflektiert eingesetzt, hervorragend zur Entspannung beitragen können.

Kreativen Freiraum haben und geben als Pädagoge*in

Wenn man mit Kindern arbeitet, hat man nicht immer einen therapeutischen Auftrag. Auch in den Aufgaben als Erzieher*in, Pädagoge*in, Kursleiter*in kann und soll man mit seinen Impulsen wirken. Wenn es also darum geht, unseren Kindern ein Werkzeug in die Hand zu geben, mit dem sie selbst regulierend auf äußere Stressfaktoren einwirken können, so finde ich es wichtig, dass wir Betreuer*innen und Begleiter*innen solche Methoden lehren. Zu den zentralen Kompetenzen für ein erfolgreiches Meistern der zukünftigen Lebenswelt zählen u. a. die Fähigkeiten zu Selbstregulierung und Selbstmanagement, die Fähigkeit zur Reflexionsfähigkeit, Empathiefähigkeit und emotionale Intelligenz.

Kreative Techniken, ob freies Malen, strukturiertes Zeichnen oder experimentelles Gestalten, ermöglichen den Ausbau dieser Kompetenzen in einem ersten wichtigen Schritt: Das Wahrnehmen und Achten auf sich selbst und das Erfahren von Selbstwirksamkeit in Bezug auf die eigene mentale und emotionale Gesundheit.

„Es ist zwar die Hand, die den Stift führt, aber es ist die Seele, die malt.“
Renate Gier
 

Pflastersteine werden mit Straßenmalkreide angemalt: jeder Stein hat eine andere Farbe: grün, orange, gelb, rot, blau, lila

Material- und Literaturtipp:

  • Dahlke, Rüdiger, Mandala-Malblock, Hugendubel Verlag, 1984
  • Winkler, Beate, Das große Zentangle-Buch, Frechverlag, 2015
Martina Hinterseer
Martina Hinterseer

Martina Hinterseer-Krause ist Schulqualitätsmanagerin, Primarpädagogin, Kunsttherapeutin, Lebens- und Sozialberaterin, Supervisorin, Cartoonistin

Beruflich ist sie als Schulqualitätsmanagerin in der Bildungsregion Tirol/Mitte tätig und zeichnet Cartoons in jeder freien Minute.

Dieser Artikel erscheint unter Creative Commons, BY-NC-SA.

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