Alles wirkliche Leben ist Begegnung
Martin Buber, 1923: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung. Wenn wir aufhören, uns zu begegnen, ist es, als hörten wir auf zu atmen“ (Wehr, 1968, S. 82). Es sind die abstrakten theoretischen Konstrukte und Ideologien, die spalten und trennen, wiederkehrende Muster, die mitunter als Heimatbewusstsein getarnt ausgrenzende, nationalistische Haltungen und unreflektierte Pauschalurteile bestärken. „Alles, wessen der Mensch gewahr wird, ruft ihn in den Dialog“ (Längle, 2016, S. 61). Die existenzielle Situation verlangt von uns persönliche Antwort auf Fragen, die uns das Leben stellt. Ansonsten wären wir hilflos politischer Instrumentalisierung und verstörenden Bildern ausgeliefert. „Leben spielt sich in Zusammenhängen und Systemen ab“ (Längle, 2016, S. 80). Ich kann mich nicht vorbehaltlos über den Rückgang der Asylanträge von 88.340/ 2015 auf 14.325/ 2025 (Asylkoordination Österreich, 2025) freuen. Hinter statistischen Daten verbergen sich Menschen mit persönlichen Schicksalen, ihrer Hoffnung auf Schutz, Halt, Raum und Orientierung. Einige durfte ich als meine Schüler kennenlernen und ihnen begegnen. Ich habe viel von ihnen und ihren Betreuer*innen gelernt.
Am 22. November des Vorjahres lud Petra Falkner die Gruppe, die vor 10 Jahren nach abenteuerlicher Flucht im Asylheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Scharnitz angekommen war, zu einer berührenden Feier ein. Seit Jahrzehnten betreibt sie gemeinsam mit ihrer Familie einen touristischen Beherbergungsbetrieb. 16 Jahre lang arbeitete sie ehrenamtlich in den Zwischensaisonen jeweils mehrere Wochen bei Pater Georg Sporschill mit rumänischen Straßenkindern in Kinderheimen in Bukarest. Darum wurde sie 2015 von der damaligen Soziallandesrätin Tirols gebeten, sich mit ihrer Expertise in die Betreuung der Flüchtlinge in Scharnitz einzubringen. Petra sagte zu und bereitete Räume des ehemaligen Internats der Mittelschule mit Hingabe auf die Ankunft der Jugendlichen vor, legte sogar „Betthupferln“, kleine Süßigkeiten auf die Kopfpolster. Die knapp 30 jungen Männer und Frauen wähnten sich zunächst in einem Hotel, konnten es kaum glauben, dass sie bleiben durften. Petras Willkommenskultur war ihnen fremd, Ansehen und Wertschätzung waren ihnen nicht vertraut, sie hatten sich in Aufnahmezentren an abfällige (welch furchtbares Nomen denselben Wortstamm hat) Blicke gewöhnen müssen.
"Herr Ringer, mein Ohr hat Wasser geschluckt" - wie wir gemeinsam die deutsche Sprache erobert haben.
Dort, wo sie herkamen, waren sie Gewalt und Willkür ausgeliefert, ohne Perspektiven und ohne Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben. In ihren Herkunftsländern ist die Zivilbevölkerung auch heute noch dem Morden ausgeliefert und keiner weiß, warum, wofür, und wie das zu beenden wäre. „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren“ (Sparks, 1980, S. 430). Deshalb finanzierten Eltern mit ihrem Geld und geliehenen Mitteln die Flucht ihrer Söhne. Sehr viele dieser Eltern hatten bald darauf einen Unfall. Die jungen Männer waren meist schon seit dem zehnten Lebensjahr berufstätig, manche im Baugewerbe, andere in Recyclinganlagen oder in der Textilbranche, sprachen alle kein einziges Wort Deutsch.
Mit 6. Jänner 2016 übernahm ich als Lehrer im Asylheim in Scharnitz eine Expositur-Klasse, die einer Polytechnischen Schule im Oberland zugeordnet war. Als Klassengemeinschaft verfolgten wir primär das Ziel, so schnell wie möglich die deutsche Sprache zu erlernen sowie die europäische Lebensweise und Kultur zu verstehen. Das gemeinsame Nachdenken, Erkunden und der Austausch mit den Jugendlichen offenbarten mir neue Perspektiven auf bislang Vertrautes. Die Bedeutung eines strukturierten Aufbaus der Sprachkompetenz sowie die Vernetzung von Wissensinhalten zu einem Gewebe, das sich Bildung nennt, erfuhr ich auf überzeugende Weise wie niemals zuvor, praktisch im Unterrichtsprozess und theoriegeleitet im Hochschullehrgang DaZ/ DaF an der PHT.
„Dass die Welt meine Welt ist, das zeigt sich darin, dass die Grenzen der Sprache (der Sprache, die allein ich verstehe) die Grenzen meiner Welt bedeuten“ (Wittgenstein, 1982, S. 90, erstmals erschienen 1923 ). Der Erwerb von Sprache als Mitteilungsinstrument ist noch viel mehr, ist wie eine soziale Geburt, ermöglicht Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Schritt für Schritt eroberten wir die deutsche Sprache und nahmen keine Umwege über Englisch. Beginnend mit einfachen Begriffen, Phrasen und kurzen Satzmustern erweiterten wir Sprachkompetenz in Wort und Schrift und klärten so manche Interferenz auf: „Petra hat ganz laut geschaut“/ „Herr Ringer, mein Ohr hat Wasser geschluckt!“ – Lernen kann mitunter auch unterhaltsam sein.
Dass man die eigene Sprache und Welt besser versteht, wenn man andere kennenlernt und aus deren Perspektive den Blick auf die eigene richtet, stimmt nachdenklich. Selbstverständliches gewinnt an Wert, Anschauungen und Grundannahmen, nach denen unsere Zivilisation ihr Weltbild ausrichtet, zu hinterfragen lohnt sich. Immer wieder drängte sich mir die Frage auf, ob sich unsere humanistischen und ethischen Bekenntnisse zur Gleichwürdigkeit der Menschen in der Realität wiederfinden oder doch nur als Deckmäntel bedingungs- und rücksichtsloser Verdrängungswettbewerbe dienen.
Bist du da?
Diese jungen Männer hatten Dinge gesehen und erlebt, die erschaudern lassen. Grausame Bilder hatten sich in ihrem Bewusstsein und tiefer eingeprägt, die sich in schweren Gedanken und Ängsten manifestierten. Eine Nacht voll Angst und Schwermut ist eine denkbar ungeeignete Vorbereitung auf einen darauffolgenden Schultag. Sehr oft holte ich Schüler in der Früh aus dem Bett: „Komm, steh auf, du bist nicht krank, komm!“ Jahre später haben sie mir gesagt, dass diese vermeintliche Selbstverständlichkeit den Unterschied ausgemacht hat. Sie wussten sich wahrgenommen, ernstgenommen, gesehen – da gab es wen, der einem Widerstand nicht ausstellte, persönlich Stellung nahm. Pädagogik ist Beziehungsarbeit, Zeit und Nähe sind unabdingbare Voraussetzungen, ohne Sympathie ist keine Empathie möglich. Die Beschäftigung mit Unterrichtsthemen tat ihnen gut, brachte sie auf andere Gedanken, ließ sie Gemeinschaft und Zugehörigkeit erleben.
Erfolgreiche Pädagogen*innen begleiten ihre Schüler*innen ein Stück deren Weges zur Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit, letztlich mit dem Ziel, als Begleiter*innen entbehrlich zu werden. Von diesem Mitgehen leitet sich das Wort Pädagoge ab. Ich ging nicht nur, sondern ich schwamm auch mit. Bis auf zwei syrische Schüler hatten alle anderen die eintausend Dollar teure Überfahrt von der Türkei nach Griechenland in überfüllten Schlauchbooten als Nichtschwimmer hinter sich gebracht. Einer der jungen Männer war in der Nacht in einem undichten Boot mit defektem Motor unterwegs. Familien mit kleinen Kindern saßen dicht gedrängt nebeneinander, auch alte Menschen, sie beteten, schrien, weinten und schöpften mit bloßen Händen das eindringende Wasser aus dem Boot. Mein Schüler war nach der Überfahrt eine Woche krank, er hatte viel Wasser geschluckt.
Und da standen wir nun im warmen Becken des Hallenbades in der Leutasch, auf der Seite, wo das Wasser seicht ist, und übten das Rückenschwimmen mit Beintempo. Er schaute mich an und fragte: „Bist du da?“ „Ja, ich bin da!“ - und dann schwamm er los, seinen Blick starr zur Decke gerichtet, konzentriert, nur hin und wieder wie ein Zucken zu mir. Im Abstand von einem Meter schwamm ich neben ihm, die anderen standen schweigend am Beckenrand, angespannt und ruhig.
Endlich hatte er es geschafft, ganz langsam und bedächtig war er durch das tiefe Wasser geschwommen, bis hin zum Rand des Beckens auf der anderen Seite. Er weinte und lachte gleichzeitig, seine Mitschüler jubelten und halfen ihm aus dem Wasser. Mir war dieser Moment zu intensiv, ich tauchte kurz ab, konnte meine Emotionen nicht zurückhalten, wollte sie aber auch nicht preisgeben. Seither sehe ich die gesprengten Ketten an den Krallen des Adlers im österreichischen Wappen mit anderen Augen. Ich kann nachempfinden, was es heißt, sich selbst zu befreien. Und ich freue mich mit ihm, dass er eine Familie gegründet hat und demnächst Vater wird.
Ich bin gern Lehrer, weiß um den Wert der Bildung für den sozialen Frieden und versuche diese Haltung Studierenden in ihrer Ausbildung zu Primarpädagogen*innen näherzubringen. Voll Demut blicke ich auf das, was den ehemaligen Flüchtlingen dieser Klasse in den vergangenen 10 Jahren gelungen ist. Alle - bis auf einen - haben Berufsausbildungen abgeschlossen, arbeiten Vollzeit in unterschiedlichen Berufen und tragen mit ihren Steuerabgaben zur Finanzierung unseres Sozialsystems bei. Der Altersdurchschnitt der österreichischen Bevölkerung liegt aktuell bei 44 Jahren (Statistik Austria, 2026) und die Quote der Erwerbstätigen in Vollzeit knapp über 50%.
Übrigens ist dem „einen“, den ich vorhin erwähnte, eine Vollarbeitsstelle zurzeit nicht möglich, denn er hat 2022 maturiert, arbeitet in Teilzeit bei den Tirol Kliniken und hat in diesen Tagen sein Bachelorstudium Medizin-, Sport- und Gesundheitstechnologien abgeschlossen.
Literatur
- Asylkoordination Österreich (2025, 9. Dezember). Gesamt Asylanträge bis 10/2025. www.asyl.at/de/wir-informieren/statistiken-u-gesetze/statistiken.
- Längle, A. (2016). Existenzanalyse, existentielle Zugänge der Psychotherapie. Facultas Verlags- und Buchhandels AG.
- Statistik Austria (2026). Bevölkerung nach Alter/Geschlecht. www.statistik.at/statistiken/bevoelkerung-und-soziales/bevoelkerung/bevoelkerungsstand/bevoelkerung-nach-alter
- Sparks, Jared. (1840). The works of Benjamin Franklin: with notes and a life of the author. Philadelphia: Childs & Peterson Verlag. Band 3.
- Wehr, G. (1968). Martin Buber. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH. Reinbeck bei Hamburg.
- Wittgenstein, L. (1982). Tractatus logico-philosophicus Logisch-philosophische Abhandlung. 16. Auflage. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main.
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