Und wie gefällt es dir sonst?

Manchmal sind es nicht Lehrpläne oder Noten, sondern ein einziger Satz eines Kindes, der bleibt. Eine Erinnerung aus dem Klassenzimmer über Anstrengung, Hoffnung auf Anerkennung – und darüber, was Pädagogik im Innersten ausmacht.

Pädagogik zwischen Maßstab und Mensch

Mag sein, dass manch einer meiner ehemaligen Schüler mein jahrzehntelanges Bemühen um Konsequenz mit Strenge verwechselt hat – oder es vielleicht sogar heute noch tut. Andere haben es mich oft Jahre später wissen lassen, dass ihnen genau dieses beharrliche Einfordern nicht nur in weiterführenden Schulen geholfen hat – sowohl das erworbene Wissen als auch die eine oder andere erzieherische Maßnahme, auf die ich Zeit meines Lebens Wert gelegt habe.
Da war z. B. der Umgang miteinander – sei es beim Grüßen oder in der Verwendung der höflichen Anrede gegenüber Lehrpersonen oder fremden Erwachsenen. Dazu gehörten aber auch grundlegende Gesten des Anstandes, wie etwa die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen, wenn man mit jemandem spricht.
Einer meiner ehemaligen Schüler – nennen wir ihn Stefan – konnte vieles, was ihm an sprachlichem Talent fehlte, durch Fleiß und großes Bemühen wettmachen. An ein Erlebnis mit ihm, dem immer gut gelaunten Bauernbuben, erinnere ich mich bis heute gern – hat es doch meine pädagogische Einstellung nachhaltig beeinflusst.

Wir hatten eine Deutsch-Schularbeit geschrieben, und Stefan hatte es (wie übrigens bei jeder Textgattung) wieder einmal geschafft, eine seiner geliebten Ziegen in die Handlung einfließen zu lassen. So weit, so gut. Wären da nur nicht die grammatikalischen und orthografischen Fehler gewesen, auf die ich ihn natürlich hinweisen musste. Nach gründlicher gemeinsamer und anschließender individueller Verbesserung der schlimmsten Ausrutscher stand am nächsten Tag der überarbeitete Text auf der extra zu diesem Zweck freigehaltenen rechten Seite des Schularbeitenhefts. Stefans Schrift ließ erkennen, dass es ihm wieder einmal ernst gewesen war mit der Hausübung. Bei genauerer Durchsicht tauchten jedoch erneut Fehler auf – sowohl an den gleichen Stellen wie auch bei anderen Wörtern. „Stefan, das musst du noch einmal …“ -  ich musste den Satz gar nicht zu Ende sprechen. Stefan nickte wortlos und nahm das Heft mit den nunmehr grün angezeichneten Stellen an sich.

Zwei Tage später trat er mit unübersehbarem Stolz ans Lehrerpult und legte mir die vermeintlich endgültige Fassung vor. Doch auch diesmal hatten sich wieder einige „Unregelmäßigkeiten“ eingeschlichen und ich setzte an: „Stefan…“
Dabei schaute ich auf und sah ihn vor mir stehen: die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und das Gesicht voller Hoffnung strahlend, fragte er mich: „Und wie gefällt es dir sonst?“

„Und wie gefällt es dir sonst?".
Was alles steckte in diesem einfachen Satz – an Freude über Gelungenes sowie Hoffnung auf verdiente Anerkennung.

Ich begriff es nicht sofort, und doch sollte das, was Stefan hier ausgesprochen hatte, für mich eine Sternstunde der Pädagogik werden.
Was alles steckte in diesem einfachen Satz – an Freude über Gelungenes sowie Hoffnung auf verdiente Anerkennung. Man konnte es ihm ansehen, was er mir sagen wollte: „Siehst du denn nicht, wie sehr ich mich angestrengt habe? Weißt du noch immer nicht, wie schwer mir das fällt – und um wie viel lieber ich die Zeit mit meinen Ziegen verbracht hätte? Kannst du nicht über die paar läppischen Fehler einfach hinwegsehen – sie für dieses Mal stehen lassen?“.

Erst Jahre später habe ich es ihm einmal selber gesagt, wie sehr mich diese seine Frage den Rest meines Lehrerdaseins begleitet und geprägt hat.
Und wie gefällt es dir sonst? Danke, Stefan!

Joch Weißbacher
Joch Weißbacher

Joch (Joachim) Weißbacher ist pensionierter Lehrer und hat an der MMS Wildschönau unterrichtet.

Fotocredits: seesick visuals

Dieser Artikel erscheint unter Creative Commons, BY-NC-SA.

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