Beten ist wie tagträumen

Beten ist zuweilen wie ein Tagtraum
von jener Heimat,
deren Licht in unsere Kindheit scheint
und in der noch keiner war.

Johann B. Metz

In einer Welt, die rund um die Uhr auf Empfang geschaltet ist, wirkt das Tagträumen wie eine vergessene Kunst. Sich bewusst treiben lassen, nicht funktionieren, einfach nur da sein – das erscheint vielen wie ein Luxus, den sie sich nicht leisten können.

Ähnlich verhält es sich mit dem Gebet. In einem Alltag, der von Terminen, Erwartungen und ständiger Kommunikation bestimmt ist, fehlt oft nicht nur die Zeit, sondern auch der Zugang zu einer Praxis, die weder sofortige Ergebnisse bringt noch produktiv verwertbar ist. Und doch: Es gibt diese Momente, in denen sich eine Sehnsucht meldet. Eine leise Ahnung, dass mehr möglich ist als das Sichtbare. Eine Sehnsucht nach Tiefe.

Drei unterschiedliche Stimmen greifen diese Sehnsucht auf: die Neurowissenschaft, die christliche Mystik und eine uralte biblische Erzählung. Sie sprechen je auf eigene Weise davon, dass es Räume braucht, in denen der Mensch nicht funktioniert, sondern sich öffnet. Räume, in denen etwas in uns zu sprechen beginnt, das im Getriebe des Alltags keinen Platz hat. Vielleicht ist das Gebet gar nicht so weit entfernt vom Tagträumen, wie wir denken. Vielleicht öffnen beide einen Weg zur Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit.

Denken im Leerlauf

Dr. Bernd Hufnagl, österreichischer Neurobiologe und Unternehmensberater, warnt seit Jahren vor den Folgen eines Lebens im Dauerbetrieb. Unsere Gehirne, so sagt er, sind nicht dafür gemacht, ständig auf Empfang zu sein. Konzentration, Kreativität und Selbstvergewisserung brauchen Pausen – nicht nur im Sinne von Erholung, sondern als inneren Freiraum.

Im Mittelpunkt steht dabei das sogenannte "Default Mode Network" (DMN), ein neuronales Netzwerk, das aktiv wird, wenn wir scheinbar nichts tun: wenn wir abschweifen, tagträumen, ins Leere schauen. In diesen Momenten arbeitet das Gehirn besonders intensiv. Es verknüpft Erfahrungen, verarbeitet Emotionen, stellt Zusammenhänge her, denkt sich selbst. Der Leerlauf ist in Wahrheit ein Tiefenmodus.

Doch genau dieser Modus wird im modernen Alltag oft blockiert: durch ständige Reize, digitale Ablenkung und den Druck, permanent effizient zu sein. Hufnagl spricht von einer "Verarmung des inneren Erlebens". Tagträume sind für ihn kein Eskapismus, sondern ein natürlicher Zugangsweg zum Selbst. Sie schaffen Distanz, laden zur Reflexion ein und öffnen kreative Spielräume. Wer sie verliert, verliert einen Teil seiner seelischen Resilienz.

Beten als Tagtraum

Auch Johann Baptist Metz, einer der prägendsten katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts, spricht von einer Form innerer Bewegung, die sich nicht kontrollieren lässt. Er sagt:

"Beten ist zuweilen wie ein Tagtraum von jener Heimat, deren Licht in unsere Kindheit scheint – und in der noch keiner war."

Diese Worte tragen eine tiefe, poetische Spannung in sich. Sie sprechen vom Gebet nicht als Leistung, sondern als Sehnsuchtsbewegung. Vom Beten als einem Vorgang, der uns nicht an einen bekannten Ort führt, sondern uns hinöffnet auf eine Verheißung hin. Die Heimat, die Metz beschreibt, ist kein Ort der Rückkehr, sondern eine Zukunft, die bereits in uns angelegt ist. Ein anderes Wort dafür ist: "Hoffnung".

In der Kindheit leuchtet etwas von dieser Heimat auf: eine Ursprungsintuition von Geborgenheit, Vertrauen, Zugehörigkeit. Doch diese Erfahrung bleibt fragmentarisch. Das Gebet ist für Metz der Ort, an dem diese Erinnerung wachgerufen wird – nicht um die Vergangenheit zu idealisieren, sondern um die Hoffnung wachzuhalten.

Beten ist bei ihm kein Einwegkommunikationsmittel mit Gott, sondern eine "mystische Unterbrechung". Eine Störung im Ablauf. Ein Innehalten, das uns empfänglich macht für das, was wir nicht kontrollieren, nicht benennen, nicht festhalten können, sozudagen für das Heilige.

Die Jakobsleiter

Ein drittes Bild liefert die biblische Geschichte von Jakob (Genesis 28). Auf der Flucht vor seinem Bruder, in der Fremde, zwischen gestern und morgen, legt sich Jakob schlafen. Und er träumt:

Da hatte Jakob einen Traum: Siehe, eine Treppe stand auf der Erde, ihre Spitze reichte bis zum Himmel.
Und siehe: Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder. Und siehe, der HERR stand vor ihm und sprach: [...] Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe.
Jakob erwachte aus seinem Schlaf und sagte: Wirklich, der HERR ist an diesem Ort und ich wusste es nicht.

Die Jakobsleiter ist ein archetypisches Bild: Sie verbindet Himmel und Erde, Sichtbares und Unsichtbares, Alltag und Heiliges. Sie erscheint nicht im Tempel, nicht im Gottesdienst, sondern auf freiem Feld, in der Erschöpfung, im Dazwischen. Und sie erscheint nicht im Wachzustand, sondern im Traum.

Dieser biblische Traum zeigt: Es gibt Erkenntnisse, die sich nicht im wachen Denken erschließen. Jakob erkennt erst im Nachhinein, dass Gott da war. Der Ort, der ihm zuvor wie ein "Nichts-Ort" erschien, wird zum "Haus Gottes". Der Traum ist hier nicht Flucht, sondern Offenbarung. Er öffnet einen Raum, in dem Gott zur Sprache kommt.

Die Tiefe liegt im Dazwischen

Was verbindet die drei Perspektiven? Was sagt uns die Neurowissenschaft, die Theologie und die Bibel gemeinsam – jede mit ihrer eigenen Sprache?

Alle drei beschreiben auf je eigene Weise einen Raum jenseits der Funktionalität, einen Zustand, in dem wir nicht kontrollieren, nicht produzieren, nicht bewerten, sondern empfangen, innehalten und aufmerken. Und in diesem Innehalten kann etwas geschehen: ein Aha-Moment, eine Erinnerung, eine Berührung, eine Ahnung.

Die Neurowissenschaft spricht von innerer Regeneration: Das Gehirn braucht Phasen der Nicht-Ausrichtung, um tieferliegende Zusammenhänge zu erkennen. Die Theologie spricht von Gebet als Raum der Sehnsucht: einem inneren Ruf, der uns hinausführt – nicht weg von der Welt, sondern tiefer in sie hinein. Die Bibel zeigt uns im Bild der Jakobsleiter, dass der Ort der Gottesbegegnung oft dort liegt, wo wir ihn nicht vermuten: im Dazwischen, im Leeren, im Unscheinbaren.

Alle drei Perspektiven öffnen einen Resonanzraum für das Unsichtbare. Sie erinnern daran, dass das Wesentliche nicht immer sichtbar, planbar oder machbar ist. Es braucht Zeiten, in denen wir leer werden dürfen, offen, unterbrochen und vielleicht sogar "zwecklos". Gerade darin liegt das Potenzial für eine tiefere Menschlichkeit und für eine neue Spiritualität, die in der Lage ist, die Getriebenheit unserer Zeit nicht einfach nur zu beklagen, sondern in ihr nach Räumen zu suchen, in denen Gott zur Sprache kommen kann.

Wendeltreppe

Eine neue Gegenwart

Wer mit jungen Menschen arbeitet, weiß, wie schwer es ist, Konzentration und Tiefe gegenüber Reizüberflutung zu behaupten. Doch vielleicht beginnt eine Veränderung nicht bei ihnen, sondern bei uns Pädagogen*innen. Vielleicht ist es ein erster Schritt, selbst wieder Momente des "Nichtstuns" zuzulassen, kleine Fluchten aus der Produktivität. Möglichkeiten dafür gibt es auch im durchgetakteten Alltag viele: ein stiller Blick aus dem Fenster, ein Gebet ohne Worte, ein Gedanke, der schweift. Vielleicht ist das Beten tätsächlich wie Tagträumen: Eine Form der Gegenwart, die mehr sieht als das Sichtbare. Ein Raum, in dem etwas leise zu uns spricht. Vielleicht ist es ein Weg, uns selbst und Gott neu zu begegnen.

  • Nicht im Machen, sondern im Lassen.
  • Nicht in der Leistung, sondern im Lauschen.
  • Nicht im Planen, sondern im Staunen.

 

Beten und tagträumen. Phillip Tengg erzählt dir hier, wie Beten und Tragträumen zusammen gehören.

https://youtube.com/shorts/c74HYr3KqJU?feature=share

 

 

Phillip Tengg
Phillip Tengg Mag. theol.

Phillip Tengg hat katholische Fachtheologie in Innsbruck studiert und ist Geschäftsführer des Kath. Tiroler Lehrervereins. Außerdem ist er Fachreferent für Liturgie in der Diözese Innsbruck.

Dieser Artikel erscheint unter Creative Commons, BY-NC-SA.

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