Als Vorsitzender der Tiroler Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer richtet sich mein Blick ich auf ein Schuljahr, das mit einigen wichtigen Neuerungen aufwartet. Bildungsminister Christoph Wiederkehr zeigt sich optimistisch und betont, dass die Schule einer der wenigen öffentlichen Bereiche sei, in denen spürbar mehr Personal eingesetzt wird. Dass zusätzliche Ressourcen bereitgestellt werden, ist zweifellos ein wichtiger verhandlungspolitischer Erfolg. Doch als Gewerkschaft schauen wir ganz genau hin: Kommen die Maßnahmen dort an, wo der Schuh im Schulalltag wirklich drückt? Und stimmt diese Aussage auch für Tirol?
Kommen die Maßnahmen dort an, wo der Schuh im Schulalltag wirklich drückt?
Tirolweit wurden 7,5 Vollzeitstellen für stark geforderte Volks- und Mittelschulen geschaffen. Dass die Schulen selbst entscheiden können, welche multiprofessionellen Fachkräfte sie benötigen – sei es Unterstützung durch Psychologie, Sozialarbeit oder gezieltes Legasthenietraining – ist ein Schritt in die richtige Richtung, aktuell sehen wir diese angesprochene Entwicklung aber nicht.
Erweiterte Autonomie bei der Deutschförderung: Dass 44 Schulen eigene Konzepte eingereicht haben, um den Unterricht flexibler an die tatsächlichen Bedürfnisse der Kinder anzupassen, zeigt das große Engagement an den Standorten, der Mehrwert lässt sich jedoch auch hier nicht beziffern.
Key-Facts zum Schulstart 2026:
- 55496 Pflichtschülerinnen und Pflichtschüler starten in das Schuljahr 2026/27
- 7,5 neue Vollzeitstellen für besonders geforderte Schulen
- 44 standortbezogene Deutschförder-Konzepte
- Ca. 52 Planstellen für ein mittleres Management zur Verwaltungsentlastung.
Ein Dauerbrenner unserer Gewerkschaftsarbeit ist die bürokratische Überlastung der Lehrkräfte und Schulleitungen. Hier gibt es für das Schuljahr 2026/2027 konkrete Zusagen: Die Einführung eines mittleren Managements soll administrative und koordinierende Aufgaben übernehmen. Mit vorerst 52 zur Verfügung stehenden Stellen werden Schulleitungen spürbar den Rücken frei bekommen, damit der Fokus wieder auf der pädagogischen Arbeit liegen kann. Zeitgleich entfallen jedoch die landesseitig zur Verfügung gestellten Mittel in diesem Bereich. Daher ist in Tirol heuer noch kein großes Plus zu erwarten.
Was ändert sich für Schülerinnen und Schüler?
-
Perspektivengespräche: Jugendliche, die die Schule vorzeitig abbrechen wollen, werden zu verpflichtenden Orientierungsgesprächen gebeten.
-
Unterstützung bei Suspendierung: Wird eine Suspendierung ausgesprochen, bleiben die Betroffenen nicht sich selbst überlassen, sondern werden während dieser Zeit pädagogisch und psychosozial begleitet.
Umstrittenes Kopftuchverbot: Lehrerinnen und Lehrer dürfen nicht alleine gelassen werden
Für Hitzewellen im und außerhalb des Klassenzimmers dürfte das nunmehr geltende Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren sorgen. Der vorgezeichnete Weg sieht vor, dass Lehrkräfte in einem ersten Schritt das pädagogische Gespräch mit betroffenen Mädchen suchen. Führt dies zu keiner Lösung, werden Schulleitung, Eltern und schließlich die Bildungsdirektion eingeschaltet. Das geht bis hin zu drohenden Geldstrafen bei anhaltender Uneinsichtigkeit.
Auch wenn die Regelung juristisch noch den Verfassungsgerichtshof beschäftigen könnte, ist für uns als Gewerkschaft klar: Wenn die Gesellschaft eine gesellschaftspolitische Debatte an die Schulen überantwortet, muss sie den Pädagoginnen und Pädagogen vor Ort auch den Rücken stärken.
„Was wir uns als Lehrervertretung im Gegenzug jedenfalls von der Gesellschaft erwarten, ist die entsprechende Unterstützung, wenn es im Schulalltag zu Konflikten kommt.“
Unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort dürfen im Konfliktfall keinesfalls als Prellbock zwischen Elternhaus, Behörde und Politik allein gelassen werden.
Zum neuen Schuljahr
Die Stoßrichtung vieler Reformen stimmt – mehr Autonomie, gezieltes Unterstützungspersonal und administrative Entlastung sind langjährige Forderungen der Pflichtschullehrergewerkschaft.
Ob die verabschiedeten Maßnahmen in der Praxis die erhoffte Wirkung entfalten, hängt jedoch von der konkreten Personalverfügbarkeit ab. Wir werden in den kommenden Monaten genau beobachten, wie sich die Reformen an den Tiroler Pflichtschulen umsetzen lassen und uns weiterhin konsequent für die Rechte und Arbeitsbedingungen unserer Lehrkräfte einsetzen.
Wenn die Gesellschaft eine gesellschaftspolitische Debatte an die Schulen überantwortet, muss sie den Pädagoginnen und Pädagogen vor Ort auch den Rücken stärken.
Kommentare
Sei der erste, der diesen Artikel kommentiert.
Kommentar schreiben
Bitte logge dich ein, um einen Kommentar zu schreiben.