Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst - Das Zeitalter der Potenzialentfaltung

Das Leiden der Weisen

Drei Weise, die fest mit ihrem Glauben verbunden sind, trafen sich in einer Bar. Der erste sagt: „Ich finde keinen Nachwuchs mehr, es scheint, als hätten sich die Menschen vom Glauben abgewendet.“ „Was? Bei dir auch??“, springt ihm der zweite Weise ins Wort. „Früher war alles besser, da kamen sie in Scharen, heute glaubt niemand mehr.“ 

Der dritte Weise unterbrach die Empörung der beiden: „Ach meine Glaubensbrüder, ich kannte das Problem auch mal. Viele Jahre lang liefen uns die Menschen in der Gemeinde davon, bis ich mich der Realität stellen musste. Ich musste lernen, was Menschen heute antreibt und was sie wirklich brauchen.“ Die Augen und Ohren der ersten beiden Weisen wurden immer größer. Sie wurden ganz still und folgten jedem Wort, das den Mund des dritten Weisen verließ. Er fuhr fort: „Ich musste erkennen, dass sich die Welt und damit die Menschen verändert hatten und, dass die Mittel der Vergangenheit in der heutigen Welt nicht mehr die richtigen Werkzeuge waren. Ich musste mein Denken verändern und dadurch kamen die Menschen wieder. Heute ist unsere Gemeinde größer denn je und die Menschen nehmen ihre Freunde und Familien mit und das in einer Zeit, in der sich die meisten Menschen entfremdet fühlen.“

Er hielt kurz inne und blickte in die weit aufgerissenen Augen seiner Zuhörer, die stumm darauf warteten zu erfahren, wie er die Menschen zurückgewonnen hatte. Plötzlich hielt es der erste Weise nicht mehr aus. „Wie hast du das gemacht?“, platzte es aus ihm raus.  „Sag schon, was ist das Geheimnis?“ „Ganz einfach meine lieben Brüder, ich habe wieder begonnen an die Menschen zu glauben“, lächelt der dritte Weise. „Nur wer an die Menschen glaubt, gewinnt ihre Herzen wieder.“ „Was meinst du damit?“, fragte ihn der zweite Weise. „Ich musste wieder zum Schüler werden und von den Menschen lernen, was sie beschäftigt und warum sie uns den Rücken zugewandt hatten. Die Menschen unserer Gemeinde wurden meine Lehrer.“ „Ja, aber wie genau hast du das gemacht?“, bohrte der erste Weise hinterher. „Ich durfte lernen, was echtes Zuhören bedeutet. In meiner Rolle als Lehrender unseres Glaubens hatte ich schon fast verlernt, dass echtes Zuhören nur dann stattfindet, wenn ich wirklich verstehen möchte und nicht, wenn ich nur antworten will.“

„Und das hat funktioniert?“, staunten die beiden Zuhörenden. Der Weise nickte besonnen: „Ja, durch das Zuhören wurde ich wieder demütig und die Menschen merkten, dass ihre Sorgen und Hoffnungen mir ein wahres Anliegen waren. Sie spürten, dass sie mir wichtig waren und dadurch wurde mein Anliegen wieder wichtig für sie.“
 

Echtes Zuhören nur dann stattfindet, wenn ich wirklich verstehen möchte und nicht, wenn ich nur antworten will!

 

 

Zwei Mädchen sitzen auf einem Weg und sind in ihr Gespräch vertieft
Einander zuhören

 

Am Sprung in eine neue Zukunft

Nicht nur die Glaubensgemeinschaften, sondern Organisationen jeglicher Art haben die letzten Jahre eine Abkehr ihrer Anhängerschaft erlebt. Die Kirche sieht Menschen, die nicht mehr glauben und Arbeitgeber kämpfen mehr denn je um Nachwuchs im Unternehmen und sehen mit an, wie immer mehr Menschen den alten Arbeitsmodellen und -ritualen den Rücken kehren. Und doch gibt es sie, die Organisationen, die keinen Mangel an motivierten Menschen haben. Unternehmen, die das Thema Fachkräftemangel oder Lehrlingsnachwuchs nicht kennen, sondern Jahr für Jahr Menschen anziehen, die nicht nur arbeiten, sondern wirken wollen. Willkommen im Zeitalter der Potenzialentfaltung, in der sich die Spreu vom Weizen trennt und nur diejenigen Menschen erreichen, die wieder an Menschen und deren Entwicklung glauben. Um ein Ort zu werden, an dem Menschen gerne ihre Lebenszeit verbringen, benötigt es einen emphatischen Perspektivenwechsel der wahren Neugierde, damit man wieder verstehen lernt, was Menschen wollen.


Was Menschen bewegt

Im Grunde wollen alle Menschen ein gelungenes Leben, doch diese Definition verändert sich von Generation zu Generation und von Lebensrealität zu Lebensrealität. Zeitgleich gibt es Faktoren, die Menschen global bewegen und wer diese Bedürfnisse versteht, der hat gute Chancen, für Menschen da zu sein. Studien von Nielsen z. B. zeigen schon seit 2018, dass sich die Jugend immer mehr nach den alten Tugenden der Menschheit sehnt. Themen wie Menschenrechte, Diversität, Ethik und Integrität, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit sind jene, die Jugendliche und junge Erwachsene – auch genannt Generation Global – in einer Welt der Unsicherheiten am meisten fordern. Unternehmen und Organisationen merken seit längerer Zeit, dass sie als Arbeitgeber nur mehr dann relevant sind, wenn sie Sinn bieten und Menschen dabei helfen, sich im Arbeitskontext zu entwickeln. In einer gefühlt unsicheren Welt brauchen Menschen wieder Orientierung und Sicherheit und wer ihnen diese gibt, dem vertrauen sie. Orientierung und Sicherheit bedeutet – im Gegensatz zur Generation der Großeltern – mehr als ein sicherer Job und die sichere Pension. Es bedeutet, Menschen klarzumachen, dass man für sie und deren Entwicklung da ist.

Erst kürzlich sagte der Leiter eines Lehrlingsbetriebs zu mir, dass er die letzten zehn Jahre miterlebt hat, dass es heute mehr denn je darum geht, jungen Menschen bei deren Lebensentwicklung unter die Arme zu greifen, wohingegen es früher nur darum ging, den Job zu vermitteln. Er sprach wortwörtlich von Persönlichkeitsentwicklung und traf den Nagel auf den Kopf.

Wer heute Persönlichkeitsentwicklung anbietet, der formt Menschen für die Zukunft und das in einer Welt, in der uns die Schule und die besten Unis niemals beigebracht haben, wie ein gelungenes Leben funktioniert.

Persönlichkeit schlägt Karriereplanung

Die Pandemie z. B. hat uns vor Augen geführt, dass wir als Wohlstandsgesellschaft mit den besten aller Technologien und den größten Annehmlichkeiten keine Persönlichkeitsstruktur haben, die uns geholfen hätte, diese Krise mit Gelassenheit und Weitsicht zu lösen. Ich werde oft gefragt, was Kindern und Jugendlichen am meisten hilft, um fit für den Arbeitsmarkt zu sein. Aus meiner Sicht ist das die fatalste und unnötigste Frage aller Zeiten, da der Arbeitsmarkt noch nie ein Gradmesser dafür war, was Zukunftskompetenz in Anbetracht der rasanten Entwicklungen der Welt bedeutet. Diese Frage ist sehr kurzsichtig, da wir mit unseren Mitteln der Arbeitsmarktbetrachtung unmöglich sagen können, was der Arbeitsmarkt in 20 Jahren benötigt. Das bedeutet, dass alles, was wir heute aus Sicht des Arbeitsmarktes den Kids mitgeben, in knapp weniger als einer Dekade veraltet sein wird. Allein die Digitalisierung führt uns vor Augen, dass es keine garantiert sicheren Jobs gibt, sondern nur unsere Fähigkeit, mit der Welt und ihren Möglichkeiten zu wachsen. Eher ist „Was brauchen Kinder und Jugendliche, um das Leben zu meistern?“ die Frage, deren Antworten unseren Kindern das mitgeben, was sie veränderungsfähig macht – egal, was kommt. Bei der Suche nach der Antwort erkennen die meisten, dass wir Fähigkeiten kultivieren müssen, mit denen jede Lebenssituation zu meistern ist. Fähigkeiten, die uns helfen, all das zu lernen, was zum Zeitpunkt einer Veränderung notwendig ist, um im neuen Spiel mitzuspielen.

Was brauchen Kinder und Jugendliche, um das Leben zu meistern?

 

Rückbesinnung zur Menschlichkeit

Studien des World Economic Forums zeigen klar, dass die Grundfähigkeiten, die uns zukunftsfit fürs Leben machen, zutiefst menschliche Fähigkeiten sind, die uns angeboren sind

  • Empathie und Kreativität
  • Kritisches Denken
  • Neugierde und das Hinterfragen von Bestehendem
  • Zuhören und Reflektieren
  • Vernetztes Denken und Arbeiten
  • Emotionale Kompetenzen

In meiner Arbeit mit Unternehmen erlebe ich seit mehreren Jahren - in der Corona-Pandemie noch verstärkter – wie interne Schulungen zu genau diesen Themen boomen. Achtsamkeitstrainings, Empathie-Schulungen, Workshops in vernetztem Denken sind nur einige der Beispiele, womit Unternehmen derzeit versuchen, ihre Mitarbeiter*innen zukunftsfit zu machen. Fakt ist allerdings auch, dass all diese Mitarbeiter*innen, obwohl sie erwachsene Menschen sind, zuvor in ihrem Leben niemals die Möglichkeiten bekommen haben, diese Themen zu entwickeln. Zu sehr war unsere Schulzeit z. B. davon geprägt, dass wir Dinge lernen, die unsere Matura positiv enden lassen, aber uns keine Lebenskompetenz mitgeben. Meine Beobachtungen zeigen, dass die meisten Erwachsenen knapp 10 Jahre nach ihrer Matura diese nicht mehr mit einer positiven Benotung absolvieren würden, da das Wissen keine Lebensrelevanz hat, sondern nur für die Benotung und das Zeugnis gelernt wurde.

 

Mit dem Blick nach innen die Zukunft im Außen formen

Potenzialentfaltung der modernen Zeit bedeutet daher in erster Linie eine Selbstreflexion der Lehrmechanismen und Inhalte mit Gegencheck auf Lebensrelevanz und dann in zweiter Linie die Auseinandersetzung mit Methoden, die Kindern und Jugendlichen ihr eigenes Licht näher bringen – also ihre Talente und ihre Fähigkeit, sich an die Welt anzupassen.

Denn wer sich in dieser Welt selbst vertraut, der oder die fürchtet auch nicht die Zukunft und macht sich auf eine Reise in die neue Welt, wenn die Veränderung an die Tür anklopft.

 

Weiterführende Links

 

 

Ali Mahlodji
Ali Mahlodji

Ali Mahlodji ist Experte für Arbeit, Bildung und Jugend. Er ist Keynote-Speaker und Mentor, Autor und Kolumnist.

Auf seiner Plattform whatchado spricht er mit über 7.000 Menschen über ihr Berufsleben.

Dieser Artikel erscheint unter Creative Commons, BY-NC-ND.

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