Kommunikation findet an der Grenze statt

Im hektischen Alltag, zwischen E‑Mails, kurzen Zurufen und halbfertigen Sätzen wird Kommunikation schnell zu einem Balanceakt zwischen Intention und Interpretation. In Situation, die wir als schwierig wahrnehmen, ist es wertvoll, ein passendes Handwerkszeug zur Verfügung zu haben, um Konflikt- oder Kritikgespräche auf eine konstruktive Ebene zu bringen.

Echter Kontakt braucht Voraussetzungen

Kommunikation ist ein grundlegender sozialer Mechanismus, und die Art und Weise wir kommunizieren, ist ein wesentlicher Faktor dafür, wie (erfolgreich) wir mit unserer Umwelt in Kontakt treten und welche Arten von Beziehungen wir eingehen.
Eine häufig zitierte Definition stammt von Paul Watzlawick und seinen Kollegen: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“1 Damit betonen sie, dass jedes Verhalten – auch Schweigen oder Nichtstun – kommunikative Bedeutung trägt. Für Friedemann Schulz von Thun ist Kommunikation immer ein mehrdimensionaler Prozess, bei dem jede Äußerung gleichzeitig mehrere Bedeutungsebenen transportiert. Neben Sachinformationen werden stets auch Beziehungsaspekte vermittelt.2
Kommunikation findet an der Grenze statt: Dieser Satz wirkt zunächst paradox – doch er beschreibt eine tiefe Wahrheit. Die Grenze ist hier nicht starr und trennend, sondern eine Kontaktfläche. Sie schützt das Eigene und lädt zugleich das Fremde ein. Doch echter Kontakt braucht Voraussetzungen: Er geschieht nicht im grenzenlosen Raum, sondern genau dort, wo eine Grenze gezogen ist.

Was Abgrenzung nicht ist

Manche Menschen stellen sich unter Abgrenzung das Errichten von unüberwindbaren Mauern vor und scheinen dabei nur zwei Möglichkeiten zu kennen. Entweder sie sind ganz offen anderen gegenüber oder sie verschließen sich komplett. Entweder – oder. Dabei gibt es zwischen den beiden Extremen viele differenzierte Möglichkeiten von Nähe und Abstand. Gekonnte Abgrenzung ermöglicht uns, das passende Maß an Nähe und Distanz für die jeweilige Situation herzustellen.3

Sender, Empfänger und das große Unbekannte dazwischen

Manchmal ist Kommunikation wie ein Paket, das man verschickt: Man hofft, dass es heil ankommt – und stellt später fest, dass der Empfänger etwas völlig anderes ausgepackt hat, als man hineingetan hat. Kommunikation wird so zum Balanceakt zwischen Intention und Interpretation.
Leider sind Missverständnisse mit dem Fortschritt der Technik nicht weniger geworden. Wir sind zwar (technisch) mehr denn je miteinander verbunden, aber wir kommen dem gegenseitigen Verständnis nicht näher.
Im hektischen Alltag, in dem Termine, To-Do's und Gedanken oft gleichzeitig um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren, wird Kommunikation schnell zu einer Art Hochleistungssport. Zwischen E-Mails, kurzen Zurufen und halbfertigen Sätzen bleibt wenig Raum für Präzision – und genau dort entstehen jene Missverständnisse, die uns später schmunzeln lassen oder gelegentlich den Puls hochtreiben.

Manchmal ist Kommunikation wie ein Paket, das man verschickt: Man hofft, dass es heil ankommt – und stellt später fest, dass der Empfänger etwas völlig anderes ausgepackt hat, als man hineingetan hat.

In heiklen oder schwierigen Situationen ist es daher wichtig, ein passendes Handwerkszeug zur Verfügung zu haben, um ein konfliktbehaftetes Aufeinandertreffen in konstruktive Bahnen zu lenken. Druck führt zu Gegendruck. Ein Angriff erzeugt unweigerlich einen Gegenangriff – schnell beginnt sich die „Vorwurfsspirale“ zu drehen.

Die Kurzform der „Gewaltfreien Kommunikation“4, das „Antigewaltmodell“, bietet hier eine bewährte Methode, mit der wir in kurzer und prägnanter Form aufzeigen und klarmachen können, dass wir mit einer Situation nicht einverstanden sind. Wir drücken damit aus, inwiefern wir nicht einverstanden sind, und legen klar, welches Verhalten wir vom Gegenüber erwarten.5

Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) wird oft als Technik beschrieben, doch im Alltag ist sie viel mehr: eine Haltung, die es ermöglicht, mit sich selbst stimmig zu bleiben und gleichzeitig in Verbindung mit anderen zu gehen. Sie beginnt dort, wo wir einander begegnen – an der Grenze des jeweiligen Menschen. Genau dort entscheidet sich, ob Kommunikation verbindend, trennend oder gar verletzend wirkt.

Drei Schritte des Antigewaltmodells

Die drei Schritte des „Antigewaltmodells“ sind:

  • Sagen, was ist
  • Sagen, wie es für mich ist
  • Sagen, was die/der andere tun soll

1. Sagen, was ist – ohne Bewertung

Der erste Schritt ist eine neutrale Beschreibung der Situation. Keine Interpretation, keine Vorwürfe, keine Übertreibungen. Nur das, was beobachtbar ist.
Diese Formulierung schafft Raum. Sie lädt den anderen ein, zuzuhören, statt sich zu verteidigen.
Nicht: „Du bist total rücksichtslos.“

Alltagsbeispiel

  • Situation: Dein*e Partner*in lässt das Geschirr stehen.
  • Schritt 1: „Ich sehe, dass das Geschirr von gestern Abend noch auf der Arbeitsplatte steht.

​​​​2. Sagen, wie das für mich ist – Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken

Hier geht es um den Blick nach innen:
Was macht die Situation mit mir?
Welches Bedürfnis ist betroffen?

Gefühle und Bedürfnisse sind nie falsch. Sie sind Hinweise auf unsere innere Grenze.

Alltagsbeispiel

  • Schritt 2: „Ich fühle mich überfordert, weil ich mir Ordnung in der Küche wünsche.“

3. Sagen, was der andere tun soll – eine klare Bitte formulieren

Eine Bitte ist konkret, machbar und respektvoll. Sie ist kein Befehl, sondern ein Angebot zur Kooperation.

Nicht: „Reiß dich mal zusammen.“

Alltagsbeispiel

  • Schritt 3: „Kannst du das Geschirr bitte gleich in die Spülmaschine räumen?“

Auch wenn diese drei Schritte leicht nachvollziehbar erscheinen, erfordert ihre Anwendung einiges an Übung und Praxis. Erst durch wiederholtes Anwenden entsteht die notwendige Sicherheit, um die Methode in unterschiedlichen Situationen angemessen einzusetzen. Sinnvoll ist dabei, mit kleinen, alltäglichen Begebenheiten zu starten und sich erst dann an jene Kritik- und Konfliktgespräche zu wagen, die ein größeres Eskalationspotenzial in sich tragen.
Im Lernprozess wird deutlich, dass gelingende Kommunikation nicht allein von den äußeren Gegebenheiten abhängt. Sie setzt ebenso voraus, dass wir uns mit den inneren Vorgängen auseinandersetzen, die unsere Wahrnehmung, unsere Bewertungen und unsere Reaktionen prägen.

Den inneren Widerstand erkennen

Bevor ein Wort ausgesprochen wird, beginnt der wichtigste Teil der gewaltfreien Kommunikation im Inneren. Dieser innere Prozess entscheidet darüber, wie wir sprechen, ob wir sprechen – und ob wir uns selbst dabei treu bleiben. Viele Menschen überspringen diesen Schritt, weil sie gelernt haben, sich zuerst nach außen zu orientieren: Was denkt der andere? Wie kommt das an? Hält man mich für schwierig oder zickig? Diese Gedanken sind Ausdruck alter Muster. Wir haben gelernt, dass Anpassung sicherer ist als Klarheit.
Doch diese Anpassung hat ihren Preis: „Wenn du einen Konflikt vermeidest, um den Frieden zu wahren, fängst du einen Krieg in dir selbst an.“6 Dieser innere Krieg zeigt sich später in Grübeleien, Selbstvorwürfen, schlaflosen Nächten und dem nagenden Gefühl, sich selbst verraten zu haben.

Die eigenen Grenzen fühlen

Der erste Schritt zum Schutz unserer Grenzen ist nicht die Verteidigung, sondern die Wahrnehmung. Grenzen sind nicht nur rationale Entscheidungen. Sie sind körperlich spürbar: ein Druck im Brustkorb, ein Kloß im Hals, ein Ziehen im Bauch oder das Gefühl von Enge oder Überforderung. Diese Signale sind wertvolle Hinweise. Sie zeigen uns, dass etwas nicht stimmt – lange bevor wir es in Worte fassen können.
Laut der Neurowissenschaftlerin Dr. Jill Bolte Taylor dauert jede Emotion als rein biochemische Reaktion im Körper ungefähr 90 Sekunden. Dieses Zeitfenster können wir mit dem hilfreichen inneren Satz nutzen: „Ich darf wahrnehmen, was in mir passiert. Und ich darf es ausdrücken.“ Dieses Innehalten ist der Moment, in dem wir den inneren Krieg beenden und uns selbst zuhören können.

Die Entscheidung: Spreche ich oder schweige ich?

Dieser innere Dialog führt zu einer Entscheidung. Und diese Entscheidung ist nicht immer einfach. Manchmal ist Klarheit nach außen unangenehm. Manchmal bedeutet sie, dass jemand irritiert ist und ich die Reaktion meines Gegenübers aushalten muss. Manchmal bedeutet sie, dass wir nicht mehr „die Bequeme“, „der Ruhige“ oder „die Angepasste“ sind.

Doch Klarheit bedeutet auch: Ich stehe für mich ein. Ich respektiere meine Grenze. Ich nehme mich selbst ernst. Und das ist letztlich ein Akt der Selbstfürsorge. Als Prüfstein kann folgende Frage dienen: „Wenn ich jetzt schweige – tue ich das aus innerer Stimmigkeit oder aus Angst?“

Die innere Vorbereitung auf die drei Schritte

Erst wenn der Blick nach innen abgeschlossen ist, können die drei Schritte der GFK wirklich wirken. Denn dann spreche ich nicht aus Ärger, nicht aus Impuls, nicht aus Verteidigung – sondern aus Klarheit.

Der innere Prozess könnte so aussehen:

  •  Was ist passiert? „Ich wurde unterbrochen.“
  • Wie ist das für mich? „Ich fühle mich übergangen und verliere den Faden.“
  • Was brauche ich? „Ich möchte ausreden können.“
  • Was bitte ich den anderen? „Kannst du mich bitte ausreden lassen?“

Ohne diesen Blick nach innen kann Kommunikation schnell vorwurfsvoll, unklar, passiv-aggressiv werden oder gar nicht stattfinden. Mit dem inneren Prozess ebnen wir den Weg für eine klare, ruhige, selbstbewusste und respektvolle Kommunikation.

Dieser innere Weg macht die äußeren Worte authentisch und stabil und ist daher kein „Extra“, sondern die Grundlage. Er ist der Moment, in dem wir uns selbst ernst nehmen – und damit die Voraussetzung schaffen, dass andere uns ebenfalls ernst nehmen können.

Gewaltfreie Kommunikation bedeutet, ehrlich zu sein – und zwar auf eine Weise, die Verbindung ermöglicht. Wenn ich meine Grenze kenne und kommuniziere, öffne ich meinem Gegenüber die Möglichkeit, diese zu respektieren. Kommunikation ist dann gut, wenn sie stimmig ist – authentisch und situationsgerecht: Das bedeutet eine doppelte Übereinstimmung sowohl mit mir selbst als auch mit dem Charakter der Situation.7

Sie ist ein Übungsweg – ein Prozess, der Mut erfordert:
Mut, die eigene Grenze wahrzunehmen
Mut, sie auszusprechen
Mut, die Reaktion des anderen auszuhalten
Mut, bei sich zu bleiben, auch wenn es im Außen unangenehm wird

Doch die Belohnung ist groß:
mehr Selbstrespekt, weniger innerer Krieg und Beziehungen, die auf Echtheit statt auf Schweigen beruhen.

Wenn ich meine Grenze kenne und kommuniziere, öffne ich meinem Gegenüber die Möglichkeit, diese zu respektieren.

 

Fußnoten

Watzlawick, P., Beavin, J. H., & Jackson, D. D. (2017). Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien. Bern: Hogrefe.
2 Schulz von Thun, F. (2008). Miteinander reden 1: Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Reinbek bei   Hamburg: Rowohlt.
3 Sellin, R., (2014). Bis hierher und nicht weiter. Wie Sie sich zentrieren, Grenzen setzen und gut für sich sorgen. München: Kösel.
4 Der Vater der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) ist der US-amerikanische Psychologe, Mediator und Autor Marshall B. Rosenberg (1934–2015). Er entwickelte das Konzept in den 1960er Jahren als empathischen Ansatz zur konstruktiven Konfliktlösung, der auf Bedürfnissen und Gefühlen basiert.
5 Eitenberger, H., Albert,B. (2024). Grundlagen der Kommunikation. Wien: Verlag des ÖGB GmbH.
6 Das Zitat wird der amerikanischen Autorin und Coachin Cheryl Richardson zugeschrieben.
7 Schulz von Thun, F. (2012). Miteinander reden 3: Das „innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation; Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Gabriele Hilber stellt sich vor

Gabriele Hilber ist nicht nur Betriebsrätin und Coach, sondern beschäftigt sich täglich mit zentralen Themen wie Kommunikation und dem Setzen von Grenzen – Themen, die uns alle betreffen. In diesem Video lädt sie dazu ein, ihren Beitrag auf AUFLEBEN.online zu lesen, in dem sie ihre Erfahrungen und Erkenntnisse teilt. Sie schreibt darüber, wie Grenzen klar formuliert, Missverständnisse vermieden und Konflikte mit der Drei-Schritte-Methode respektvoll gelöst werden können.

Hier hast du die Möglichkeit, sie kennenzulernen und mehr über die Inhalte ihres Beitrags zu erfahren.
 

Gabriele Hilber
Gabriele Hilber Mag.

Gabriele Hilber ist Betriebsratsvorsitzende der Hypo Tirol Bank und begleitet als Coach Menschen in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung.

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