Gesunde Schule 4.0: Mit digitaler Resilienz selbstbestimmt die Zukunft gestalten (2)

Was versteht man unter digitaler Resilienz im Kontext von Schulen? Wie kann unter diesem Gesichtspunkt Medienkompetenz in einer Gesunden Schule entwickelt werden? Dieser Artikel richtet sich insbesondere an Schulleiter*innen, die daran interessiert sind, ein Bewusstsein für die digitale Resilienz ihrer Schule zu entwickeln und den Transformationsprozess hin zu einer Gesunden Schule 4.0 aktiv mitzugestalten.

In Teil 1 der Reihe Gesunde Schule 4.0: Mit digitaler Resilienz selbstbestimmt die Zukunft gestalten hat Autor Andreas Kecht schon viele wichtige Hinweise gegeben. 

2. Gesunder Umgang mit digitalen Medien

Die Digitalisierung in der Schule bringt eine Reihe von Chancen und Risiken mit sich. Chancen sind etwa zunehmende Partizipationsmöglichkeiten, Inklusion sowie kollektive Innovations- und Produktionsformen. Risiken sind verstärkte Abhängigkeiten von Informations- und Kommunikationstechnologien, die Gefahr der sozialen Vereinsamung, die Fragmentierung bzw. Radikalisierung der Gesellschaft durch isolierte Diskurse sowie ungleich verteilte Teilhabemöglichkeiten (Atteneder et al. 2017). Hinzu kommen unmittelbare gesundheitliche Risiken wie Augenschmerzen, Kurzsichtigkeit, Haltungsschäden, muskoskelettale Beschwerden, Bewegungsmangel und Schlafschwierigkeiten. 

Der Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer sieht diese Entwicklung seit Jahren überaus kritisch und warnt seit 2012 vor der „digitalen Demenz“. Das gleichnamige Werk, das im Jahr 2012 erschien, machte den Wissenschaftler zum Feindbild der Befürworter*innen von digitalen Medien in der Schule und hatte einen gewaltigen Shitstorm zur Folge. 
In seinem im Jahr 2022 erschienenen Werk „Zehn Jahre Digitale Demenz. Vom Shitstorm zum Mainstream“ bekräftigt Spitzer seine 10 Jahre vorher publizierten Thesen und belegt sie mit zahlreichen Studienergebnissen. Der Wissenschaftler schreibt u.a., dass 

„… eine Analyse von Daten aus mehreren Erhebungen im Rahmen der PISA-Studien in mehr als 50 Ländern über 10 Jahre hinweg einen sehr deutlichen negativen Zusammenhang (r = –0,5) zwischen Investitionen in die Digitalisierung von Schulen und den Veränderungen der Schulleistungen der Schüler zeigte: Je mehr ein Land (pro Kopf Schüler) in die Digitalisierung der Schulen investiert hatte, desto schlechter wurden die Leistungen der Schüler im Beobachtungszeitraum.“ (Spitzer 2022, S. 734)

Doch nicht nur der Hirnforscher Spitzer steht der digitalen Entwicklung äußerst kritisch gegenüber, auch der Neuroimmunologe und Psychiater Joachim Bauer sieht sehr viele Probleme im Zusammenhang mit der technologischen Entwicklung der letzten 25 Jahre.
(vgl. Bauer 2023) 

Unabhängig davon kommt der US-amerikanische Professor für Psychologie Jonathan Haidt zu Forschungergebnissen, welche die Annahmen von Herrn Spitzer bestätigen. (vgl. Haidt 2024)

Um somit den unterschiedlichen Gefahren der digitalen Medien entgegenzuwirken, benötigen wir einen kritischen Umgang damit, außerdem gilt es, z. B. die Dauer der Mediennutzung bewusst zu begrenzen, genügend Pausen in den Unterricht einzuführen, ebenso Entspannungsübungen zur Erholung. Auf Ebene der Schulorganisation können Erreichbarkeiten verbindlich geregelt werden, z. B. mit Zeitplänen für unterschiedliche Kommunikationskanäle wie Telefon, E-Mail, SMS, WhatsApp, Signal, SchoolFox.

Weiters erscheint es von Nöten, die Nutzung der digitalen Endgeräte durch die Schülerinnen und Schüler regelmäßig zu evaluieren und bei einer falschen Nutzung korrigierend einzugreifen. 

Eine solide digitale Kompetenz ist letztlich auch eine wichtige Grundlage für Beruf und Studium. Das belegt die jüngst erschienene Studie „Digitale Kompetenzen zum Studienstart als Gelingensfaktor im ersten Semester“ von Marion Händel, Eva S. Fritzsche und Svenja Bedenlier. (Händel et al. 2024)

Um also seine Chancen nutzen zu können, ist Medienkompetenz von wesentlicher Bedeutung. Dabei ist zu erwähnen, dass viele Kinder heute ganz selbstverständlich lernen, Medien zu bedienen und zu nutzen. Doch Medienkompetenz bedeutet mehr als zu wissen, welche Knöpfe man drücken muss. Es geht dabei um Medienkompetenz zu Themen wie (1) Soziale Medien, Influencer*innen und Werbung, (2) Internet, Privatsphäre und Datenschutz, (3) Sexting und (4) Cybermobbing. Um die Kompetenz in diesen Bereichen zu fördern und ihren Einfluss auf die Gesundheit zu berücksichtigen, braucht es eine systematische Einbindung in den Lehrplan, Methoden wie projektorientiertes Lernen sowie die Zusammenarbeit von schulischen und außerschulischen Akteur*innen. Idealerweise werden gesundheitsrelevante Aspekte der Digitalisierung in einem Konzept festgehalten und nachhaltig in der Schule verankert, entweder im Rahmen der Digitalisierungsoffensive, des 8-Punkte-Plans oder durch die Qualitätssicherungsinitiative des BMBWF Schulqualität Allgemeinbildung.

 

3. Digitales „Rundum-sorglos-Paket“

Die folgende Checkliste ist als eine erweiterte Empfehlung anzusehen, um digital bestens reüssieren zu können:

  1. Digitale Projektion: In jeder Klasse befindet sich eine digitale Tafel, ein digitaler Bildschirm oder Beamer.
  2. Computer für Lehrpersonen: Jeder Lehrperson steht ein eigener Computer zur Verfügung.
  3. Digitales Equipment: Den Schüler*innen steht erweitertes digitales Equipment (PCs, Notebooks, Tablets etc.) zur Verfügung.
  4. Helpdesk/Soforthilfe/e-buddies: Es gibt bei digitalen Problemen eine Möglichkeit der Soforthilfe – vor Ort an der Schule, per Telefon o.ä.
  5. Optimierungsplan: Ein Plan zur digitalen Optimierung für die nächsten 3-5 Jahre ist vorhanden.
  6. Ausstattung für Hybridunterricht: An der Schule ist entsprechendes Equipment vorhanden: z. B. Kamera, Headsets mit Bluetooth.

Weitere Impulse für die Umsetzung

  • „Plug & teach”: Dockingstationen für Laptops oder Tablets vereinfachen den Stundenbeginn für die Lehrer*innen.
  • Optimierungsideen sind z. B. multimediale Arbeitsplätze für Schüler*innen, das Experimentieren mit Virtual/Augmented Reality, Lernwerkstätten, Labore, Robotics etc.
  • Teilnahme am 8-Punkte-Plan: Ausstattungsoffensive der Lehrpersonen und Schüler*innen in der Sekundarstufe 1
  • Experimentierphasen mit digitalen Medien für Lehrer*innen
  • Fortbildungsangebote nutzen, z. B. Pädagogische Hochschule Tirol

Fort- und Weiterbildung

Die Fort- und Weiterbildung für Lehrpersonen ist eine wesentliche Säule für die erfolgreiche Implementierung von digitalem Equipment an der Schule. Betrifft dies den gesamten Lehrkörper, dann ist es notwendig, vor der Anschaffung auch einen Fortbildungsplan zu erstellen. Im Idealfall gibt es ein dreiteiliges Konzept, z. B. MOOC (Massive Open Online Course) als Basisfortbildung, eine SCHILF/SCHÜLF (schulinterne/schulübergreifende Fortbildung) als praxisorientierte Schulung am Schulstandort und individuelle Fortbildungen für den fachspezifischen Einsatz. Dies fördert die Akzeptanz des digitalen Equipments, baut Unsicherheiten ab und ermöglicht einen freud- und sinnvollen Einsatz im Unterricht. Zur weiteren Vertiefung oder Lehrbefähigung kann auch ein Hochschullehrgang (wie z. B. Digitale Grundbildung) empfohlen werden.
 

4. Fazit

Die Digitalisierungswelle ist nicht mehr aufzuhalten und durchdringt alle gesellschaftlichen Bereiche des Lebens, damit auch die Schule. Deshalb ist es notwendig, dass vor allem Leitungspersonen, im Sinne der digitalen Resilienz, vorausschauend agieren, um die Handlungspotenziale für gegenwärtige und zukünftige Transformationsprozesse bestmöglich ableiten und umsetzen zu können. Wie bei vielen anderen Zusammenhängen gilt auch hier beim Einsatz digitaler Endgeräte in der Schule das Prinzip „die Dosis macht das Gift“. Abschließend lässt sich festhalten, dass die Digitalisierung den Schulalltag umfassend verändert und zahlreiche Herausforderungen mit sich bringt. Vor allem Schulleiter*innen sind gefordert, die digitalen Transformationsprozesse, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, aktiv mitzusteuern und die Brücke zwischen Gegenwart und Zukunft hin zu einer Gesunden Schule 4.0 aktiv mitzugestalten. Der Artikel soll nicht als Apell zur Digitalisierung verstanden werden, sondern als Hilfestellung, um den gesellschaftlichen Beschleunigungen, die Digitalisierung betreffend, auch im Schulalltag der Interdependenz von Medienbildung, Medienkompetenz und digitalen Endgeräten im Sinne Pestalozzis mit Herz, Hand und Hirn zu begegnen.

 

Referenzen

Alle Webadressen wurden am 12.5.2024 überprüft.

Andreas Kecht
Andreas Kecht Mag.phil. Mag.rer.nat.

Andreas Kecht ist Erziehungs- und Bildungswissenschafter, Medienpädagoge und Kommunikationswissenschafter und Psychologe.

An der Pädagogischen Hochschule Tirol ist er Institutsleiter-Stv. und Bereichsleiter für Landesweite und regionale Lehrveranstaltungen am Institut für Personal- und Organisationsentwicklung. Er unterrichtet in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrer*innen und Schulleiter*innen.

Dieser Artikel erscheint unter Creative Commons, BY-NC-SA.

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