Digital Storytelling von Unten

"Aber was interessiert es die Jugendlichen auf TikTok, was eine 50-jährige Frau sagt?", fragte eine Kollegin einer Jugendberatungsstelle im Rahmen eines Workshops zur Methode "Digital Storytelling von Unten". Nachdem wir uns in der ersten Einheit mit Social Media, den Online-Lebenswelten der Jugendlichen und den damit verbundenen Gefahren und Chancen beschäftigt hatten, ging es nun darum, gemeinsam ein an die Institution angepasstes Social-Media-Konzept zu erstellen, im nächsten Schritt eigene Formate zu entwickeln und auch umzusetzen. Die Motivation war da, ging aber mit großer Unsicherheit und auch einem gewissen Unbehagen einher, wie die Frage der Kollegin sehr gut zeigt. Was steckt dahinter?

Warum progressive Akteure*innen Social-Media zu lange unterschätzt haben

Als Social-Media aufkam, wurde es von Medien, Politik, aber auch progressiven Akteuren*innen, wie sozialarbeiterischen Institutionen zu Beginn oft belächelt. Man empfand es ein bisschen als Spielplatz für Kinder, abgekapselt von der realen Welt, und man konnte mit der Meme-Kultur wenig anfangen. Dazu kam die (berechtigte) Skepsis und Kritik an den Social-Media-Plattformen an sich, ihr problematischer Umgang mit unseren Daten und die fehlende Transparenz, was die Funktionsweisen ihrer Algorithmen betrifft. Abgesehen davon stecken hinter den Plattformen kapitalistische Unternehmen, die vor allem ein Ziel verfolgen: so viel Geld wie möglich zu machen. Dieser Unwille, sich damit auseinanderzusetzen, sollte zu einem brutalen Bumerang werden, denn reaktionäre bis extremistische Akteur*innen waren schnell im Internet, das „der neue Ort“ war, an dem es kaum Einschränkungen in ihrem menschenverachtenden Tun gibt. Erstellt man einen neuen Account auf TikTok, dauert es keine fünf Sekunden, bis man rechte Inhalte auf die For-You-Page bzw. den eigenen Feed gespült bekommt. Auf Social-Media überfluten sie uns nach wie vor mit Desinformation, Hate Speech, rassistischen, homophoben und frauenfeindlichen Inhalten – und das quasi ohne Gegenwehr. Wir alle haben viel zu lange tatenlos dabei zugesehen, wie sie Posting für Posting, Video für Video, die sozialen Medien und damit Stück für Stück auch die Welt übernahmen.

Jugendliche sind dort – also müssen wir es auch sein

Dem wollten wir im Workshop etwas entgegensetzen und eigene Formate entwickeln, die reaktionäre Hegemonie auf TikTok brechen und den Jugendlichen alternative Inhalte zur Verfügung stellen. Klar ist: Natürlich ist Social-Media ein schräges Spielfeld, das die Machtstrukturen unserer Welt nicht aufbricht, sondern fortsetzt. Aber wenn wir Social-Media und seine Regeln verstehen, können wir diese Strukturen ausnutzen, um mit unseren Geschichten möglichst viele Menschen zu erreichen. Denn egal, wie wir zu TikTok stehen – es wird nicht mehr weggehen und die Kids sind dort. Forderungen nach Verboten verpuffen, und Altersbeschränkungen sind allein nicht wirksam. TikTok ist zwar offiziell erst ab 13 Jahren erlaubt, wird aber bereits von Jüngeren genutzt. Bis zu vier Stunden täglich verbringen Jugendliche auf Social Media, das Smartphone wurde zum ständigen Begleiter.

Trotz unterschiedlicher Sichtweisen war uns im Workshop allen klar: Sozialarbeiter*innen müssen in diesen digitalen Räumen präsent sein, denn für Jugendliche gibt es keine getrennten Online- und Offline-Lebenswelten mehr. Unsere Social-Media-Seite wird zur digitalen Visitenkarte, über die wir Jugendlichen unsere Angebote näherbringen. Und dabei dürfen wir nicht stehen bleiben. Denn was rechte und reaktionäre Akteure längst erkannt haben: Besonders Themen, die im Mainstream untergehen, haben auf Social Media eine große Chance und ein Publikum, das diese Themen hören möchte. Gerade TikTok und die Funktionsweise des Algorithmus, der auch Videos von kleinen Accounts bevorzugt, solange sie eine hohe Watchtime haben, bietet Einrichtungen ohne große Budgets und zeitliche Ressourcen die Möglichkeit, ihre Zielgruppen mittels mit einfachen Mitteln mit eigenen, progressiven Inhalten zu erreichen. Das bietet auch für (Jugend-)Beratungstellen eine große Chance:

Wie Digital Storytelling von Unten wirken kann

Mit der Methode des Digital Storytellings von Unten können wir wichtige Inhalte und Informationen direkt und niederschwellig an die jeweilige Zielgruppe transportieren und gleichzeitig auf das eigene Beratungs- und Betreuungsangebot aufmerksam machen. Gerade bei schwierigen Themen, wie Gewalt, Mobbing, Sexualität oder Grooming, die oft im Elternhaus tabuisiert und in der Schule schwer zu vermitteln sind, kann ich hier Informationen direkt an Betroffene vermitteln und ihnen Hilfestellungen und Handlungsmöglichkeiten anbieten. Wohin kann ich gehen, wenn ich Gewalt erlebe? Was sind Anzeichen für Suizid bei Freunden*innen? Gerade Plattformen wie TikTok eigenen sich sehr gut um wichtige Informationen für Jugendliche bereitzustellen, die aus unterschiedlichen Gründen von offline Angeboten schwer erreicht werden können.

Was ein gutes TikTok-Erklärvideo ausmacht

Zum Beispiel über das Format der Erklärvideos. Erklärvideos sind kurze, visuell ansprechende Videos, die komplexe Themen einfach und verständlich erklären. Sie werden oft in Bildungskontexten eingesetzt und sind vor allem für Institutionen wie Beratungsstellen ein wesentliches Tool. Und daran arbeiteten wir gerade im Workshop. Was interessiert es Jugendliche, was eine 50-jährige Person sagt? Nun, gerade auf TikTok geht es nicht nur darum, wer es sagt, sondern vor allem darum, was und in welcher Form gesagt wird. Es empfiehlt sich daher bei Erklärvideos, den Inhalt so niederschwellig wie möglich herunterzubrechen, möglichst frei zu sprechen und das Video mit einer sogenannten "Hook" einzuleiten, die Spannung erzeugt und den Zuseher*innen vermittelt, was sie im Video erwartet. Mit einem Call to Action gegen Ende des Videos kann dann noch auf zu dem Inhalt passende Online- und Offline Angebot meiner oder anderen Einrichtungen hingewiesen werden.

Mut lohnt sich

Was es dafür, neben dem richtigen Handwerkszeug, dem Digital Storytelling von Unten, vor allem braucht, ist Mut. Und der machte sich auch im Fall der Kollegin bezahlt. Das Video "Anzeichen von Suizid bei Freunden*innen" ging auf TikTok viral, erreichte über 150.000 Menschen und wurde von über 4.000 Personen gespeichert, womit für sie die Informationen aus dem Video im Notfall jederzeit auf dem Handy abrufbar zur Verfügung stehen.

Alternative Held:innenreise

Bis zu vier Stunden täglich verbringen Jugendliche auf Social-Media, das Smartphone wurde zum ständigen Begleiter. Die alternative Held:innenreise nimmt uns mit in diese Online-Lebenswelten und beschreibt die Gefahren, denen Jugendliche dort ausgesetzt sind: Von der Manosphäre über sogenannte TikTok-Preacher bis hin zu rechtsextremen Codes und Propaganda-Strategien.
Auf Social-Media setzen sich die Machtstrukturen unserer Welt fort, daher ist es wichtig, die Spielregeln zu verstehen und auch zu nutzen. Die Autoren*innen verbinden Theorie und Praxis und beantworten im zweiten Teil des Buches eine zentrale Frage: Wie kann man eigene Geschichten so erzählen, dass sie auch gehört werden? Anhand konkreter Projekte aus ihrer Arbeit führen sie in das Handwerk des digitalen Erzählens ein. So entsteht ein Werkzeugbuch für alle, die ihre eigenen Geschichten hörbar machen und damit zu einer solidarischeren, vielfältigeren Gesellschaft beitragen wollen.

www.mandelbaum.at/buecher/eim-karakuyu-christopher-glanzl-fabian-reicher/die-alternative-held-innenreise/

Workshopangebot: Digital Storytelling von Unten

Was ist wichtig, um auf Social Media Geschichten so zu erzählen, dass sie auch gehört werden? Wie funktionieren unterschiedliche Kurzvideoformate? Vom Skript über den Dreh zum viralen Video: Im Workshop erarbeiten wir gemeinsam, wie wir partizipativ mit und für unsere Zielgruppe Kampagnen gestalten und umsetzen. Je nach individuellem Bedarf ist dieses Angebot eine Mischung aus Workshop, Begleitung oder Coaching. Wir unterstützen vom fertigen Kampagnenplan bis zur Produktion und Umsetzung der Kampagnen

Mehr Infos auf www.storytellingvonunten.com

Fabian Reicher
Fabian Reicher

Fabian Reicher ist Jugendsozialarbeiter, Vortragender und Lehrender in Wien mit Schwerpunkt auf Extremismusprävention und Digitale Jugendarbeit, Buchautor und Mitbegründer zahlreicher digitaler Projekt.

Dieser Artikel erscheint unter Wahrung aller Rechte gem. UrhG.

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