Den ganzen Tag in der Schule

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Ein Tag an der integrativen Lernwerkstatt Brigittenau (ILB)
(Ganztags-Volks- und -Mittelschule der Stadt Wien)

Gemeinsames und ganzheitliches Lernen erleben die Schüler*innen im Alter von sechs bis fünfzehn Jahren in altersgemischten integrativen Mehrstufenklassen. In der Ganztagsschule (GTS) wird unter reformpädagogischen Prinzipien in den verschiedenen Coachinggruppen und Tandems unterrichtet.  

Morgendliche Routine

Auf meinem Weg in die ILB begegne ich bereits einigen Schüler*innen. Obwohl der Unterricht erst in 30 Minuten beginnt, eilen manche in die Schule. Sie sind wahrscheinlich mit ihren Freunden*innen verabredet und wollen sich im Turnsaal noch austoben. Für viele der Kinder und Jugendliche, ist die ILB zu einem Ort geworden, an dem sie ihre sozialen Kontakte pflegen und gerne ihre Zeit verbringen. Mein Weg in den Lernraum führt am Kidsoffice vorbei, einem Raum der den Kindern und Jugendlichen für ihre Freizeit zur Verfügung steht. Manche sind bereits seit 7:30 Uhr dort und beschäftigen sich aufgeregt mit Kapplasteinen, Gesellschaftsspielen oder plaudern, andere sitzen mit ihren Handys in der Hand da.

In der Mitte steht ein Kapplaturm. Zwei oder wahrscheinlich drei Kinder unterschiedlichen Alters sitzen rund herum und sind ganz konzentriert beim Bauen.
Morgens im Kids-Office

Der Tag beginnt in den meisten Stammgruppen um 8:30 Uhr mit einem Morgenkreis. Die ersten 20 Minuten eines Schultages nutzen wir dazu, die aktuellen Themen mit den Kindern und Jugendlichen zu besprechen, eine kurze Übersicht über den Tag zu geben und bei Bedarf eine Gesprächsrunde, ein Spiel oder eine Phantasiereise zu machen, welche montags besonders beliebt ist. Diese Zeit ermöglicht nicht nur einen angenehmen Übergang von der Freizeit in die Arbeitsphase, sondern auch eine gezielte Beziehungsarbeit und das Stattfinden von gruppendynamischen Prozessen.

Drei Kinder sitzen und liegen am Boden. Vor ihnen steht ein Teller mit Smarties. Mit Stäbchen greifen sie die Smarties.
Smartie-Challenge

Teamarbeit und Coaching

Um eine engere Beziehung zu den Kindern aufbauen zu können, kümmert sich jede*r Lernbegleiter*in um ca. acht Schüler*innen. Im Rahmen der GTS sind wir als Team eines der drei Übergangstandems (4., 5., 6. Schulstufe) acht Lernbegleiter*innen für 48 Schüler*innen. Den klassischen KV gibt es nicht und als Coach bin ich für meine Coachingkinder die erste Ansprechperson bei persönlichen Wünschen oder Unstimmigkeiten. Die soziale und emotionale Entwicklung steht in der Coachingbeziehung im Vordergrund. Dies bedeutet einerseits, auf die Befindlichkeiten der Kinder und Jugendlichen einzugehen, sie zu bestärken und zu motivieren. Andererseits bedeutet es Gespräche mit ihnen über ihr Verhalten in der Gruppe oder ihre Arbeitshaltung zu führen. Darüber hinaus ist der Coach für die Elternarbeit verantwortlich. 

 

Lernsettings

Unsere Arbeitsphase beginnt um 8:55 Uhr und endet zwischen 14:10 Uhr und 16:30 Uhr. Einige Schüler*innen gehen nach Hause, andere nutzen das hausinterne Freizeitprogramm bis 17:00 Uhr. Wer jedoch denkt, dass die Schüler*innen der ILB nun den gesamten Tag an ihrem Sitzplatz sitzen und den*die Lehrer*in an der Tafel stehend beobachten, hat sich geirrt.

Während der Arbeitszeit teilen sich die Kinder unserer Gruppe auf die unterschiedlichen Fachräume auf. Sie suchen sich meist selbstständig den Raum für ihren Arbeitsauftrag aus. So finden sie beispielsweise im Deutschraum das benötigte Material in einer organisierten Lernumgebung.

Ein Klassenraum: Ein Bub sitzt am Tisch und arbeitet in einem Schulbuch. Das Mädchen neben ihm lies ein Buch. Hinter ihnen sitzt am Boden ein Bub im Schneidersitz und arbeitet mit den Kärtchen vor sich. Am anderen Tisch sitzen drei Kinder und arbeiten. Eine Lehrerin steht an diesem Tisch und ist im Gespräch mit diesen Schüler*innen.
Lernsettings

Unterstützt werden sie von Lernbegleiter*innen, welche Fachlehrer*innen und/oder Freizeitbetreuer*innen sind. Die Kinder arbeiten altersgemischt in Gruppen-, Partner- oder Einzelarbeit zeitgleich an verschiedenen Themen. Um dies in einem Klassenraum zu ermöglichen, benötigt es eine dafür ausgelegte Einrichtung. Ruheecken, Tischgruppen, Einzeltische und eine Computerecke runden den Raum, in dem ich hauptsächlich arbeite, ab. Die Flexibilität zeichnet sich auch dadurch aus, dass wir z.B. den Gang für gezielte Gruppenarbeiten nutzen. Angebote in der Region, z.B. Bücherei, nutzen wir proaktiv um den Blickwinkel der Kinder zu erhöhen.

3 Kinder sitzen lesend in einem schmalen Gang der Bibliothek.
In der Bibliothek

In der Au

Ganzheitliches Lernen findet allerdings nicht nur in der Schule, sondern auch in der grünen Außenstelle in der Stockerau statt. In der AU sammeln Schüler*innen sinnesbezogene Erfahrungen mit der Natur, soziale Kompetenzen werden vertieft und das Bewusstsein für Wertschätzung gegenüber einer Gemeinschaft und der Natur wird gestärkt. Besonders stolz sind die Kinder und Jugendlichen auf ihr Mitwirken in der Gestaltung des Aufenthaltsraumes (z.B.: Werken) und des begrünten Grundstücks (z.B.:Biologie). So entstanden u.a. dieses Schuljahr mit Unterstützung von Experten*nnen und Lernbegleiter*innen eine mobile Küche, eine Wurmkompostkiste und eine Chill-Ecke. 
 

Zwei Kinder gehen nebeneinander in der Au. Beide haben jeweils ein Ende des gleichen Stück Seils in der Hand. Ein Kind führt, das andere folgt mit geschlossenen Augen.
Blind in der Au

Selbstentfaltung in der Schule und Ateliers

Sichtbare Erfolgserlebnisse finden in der ILB nicht nur im kreativen Tun statt, sondern werden in möglichst vielen Bereichen gefördert. Um eigene Interessen entdecken oder vertiefen zu können, wechseln sich Arbeitsphasen nicht nur mit Pausen, sondern auch mit diversen Angeboten ab. Zum Beispiel motivieren Tanz- und Breakdancestunden zur Bewegung und tragen zur Stärkung des Selbstbewusstseins bei.
Um soziale Fähigkeiten zu fördern und den Alltag in einer Gemeinschaft zu verbessern, werden Schüler*innen in der Peer-Mediation zu Streitschlichter*innen ausgebildet. Die freiwilligen Peer Mediator*innen erlernen Gesprächstechniken, um unparteiisch und wertschätzend einen Streitlösungsprozesses zu begleiten. 

In vielen Stammgruppen werden am Mittwochnachmittag Ateliers angeboten. Zur Stärkung der eigenen Körperwahrnehmung werden Bewegungsateliers wie etwa Klettern oder Motopädagogik angeboten. Im Kulturatelier werden Museen besucht, das Grätzel erkundet und neue Erfahrungen gesammelt. Frei entfalten können sich die Kinder im Theater- und Musikatelier. Der Grundstein für gesunde Ernährung wird im Kochatelier gelegt, um nur einige der Ateliers hier zu erwähnen. 
 

In der Kletterhalle stehen ein rot, blauer Turm und ein grau, blauer Turm. Ein Mädchen, gesichert mit Klettergurten, ist schon ganz oben angelangt.  Am Fuße der Klettertürme stehen zwei Lehrer*innen und drei Mädchen.
In der Kletterhalle

Lebenspraxis

Seit diesem Schuljahr gibt es für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf Lebenspraxisstunden. Dort erleben die Kinder in einer Kleingruppe diverse Förderungen. Im Vordergrund stehen Sprachmotorik, Körperwahrnehmung und Mengenverständnis. Unter anderem werden in der Peergroup Alltagshandlungen erlernt und selbstbestimmtes Handeln geschult. 

Fünf Schüler*innen (über 10) sitzen mit einer Lehrerin rund um einen Montessori-Jahreskreis.
Lebenspraxisstunden

Außerschulische Freizeitangebote

Nach dem Unterricht können die Kinder und Jugendlichen im Werkclub der ILB ihre Kreativität ausleben. Nach Unterrichtsschluss am Mittwoch um 15:30 Uhr hört man im textilen Werkraum das Rattern der Nähmaschinen. Kleidungsstücke, Taschen, Gebrauchsgegenstände und Kunstprojekte für das Schulgebäude entstehen im zusätzlichen Angebote außerhalb des regulären Werkunterrichts. 
Besonders beliebt unter den Jungs der ILB ist das Training für die Fußballschülerliga.  An kaum einem Tag ist es meinen Schülern so wichtig, das Klassenzimmer pünktlich verlassen zu können, wie am Trainingstag. 

Bevor der Unterricht um 15:55 Uhr endet, treffen wir uns erneut in den Gruppenräumen. Die Kinder bekommen eine kurze Rückmeldung zum Verlauf des heutigen Tages und ich erinnere sie daran, ihr Mitteilungsheft mitzunehmen - Hausübung gibt es keine. 

Die Struktur der Ganztagsschule ermöglicht es, durch differenzierte Angebote auf die Bedürfnisse und Interessen der Kinder und Jugendlichen einzugehen. Neben fachlicher Unterstützung während der gesamten Arbeitszeit, können gezielte Förderungen im Rahmen der Schulzeit stattfinden. Der Alltag wäre für viele meiner Schüler*innen ohne ein ganztägiges Betreuungsangebot schwieriger zu bewältigen.
Auch heute muss ich einen meiner Schüler daran erinnern, dass die Schule aus ist und er nach Hause gehen soll. Er sagt mir offen, dass er lieber hier bleiben würde, da er sich zu Hause nur langweilt. Dies ist kein Einzelfall. Einige Schüler*innen haben nicht die Möglichkeit (strukturell, finanziell, etc.), in ihrer Freizeit ihren Interessen nachzugehen bzw. ihre Freunde zu treffen. 

Ein Bub zeigt ein oranges Stofftier her, das im Werkclub hergestellt wurde. Hinter ihm sieht man ein Regal mit vielen Materialen und einen Tisch mit einer Nähmaschine.
Im Werk-Club
Eva Seeber
Eva Seeber

Eva Seeber ist Integrationslehrerin und Lernbegleiterin.

Dieser Artikel erscheint unter Creative Commons, BY-NC-SA.

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