Das Auge sieht die Form, das Herz spürt den Wert.
Liebe Silke!
Herzlichen Glückwunsch: Du bist seit Herbst 2025 Jugendseelsorgerin für Jungschar und Katholische Jugend in der Diözese Innsbruck und damit die erste Frau in Tirol in dieser Position. Ich finde es sehr schön, dass wir heute hier zusammensitzen.
Wir beide kennen uns und sind per Du, weil wir im Diözesanhaus mehr oder weniger Büronachbarinnen sind. Bitte stelle dich unseren Leserinnen und Lesern vor, damit wir dich besser kennenlernen können.
Silke Rymkuß:
Mein Name ist Silke Rymkuß. Man hört es schon an meinem Akzent: Ich bin nicht in Tirol geboren. Ich komme aus Düsseldorf, lebe aber inzwischen schon so lange hier, dass ich gar nicht mehr ad hoc sagen kann, wie viele Jahre es nun genau sind. Ich glaube, es sind ungefähr 18 Jahre.
Seit 2014 arbeite ich bei der Diözese. Begonnen habe ich als Dekanatsjugendleiterin. Danach habe ich zehn Stunden Jugendseelsorge und Liturgie übernommen – damals war Kidane Korobza diözesaner Jugendseelsorger. Später wurde ich Fachreferentin für Firmung. Und jetzt bin ich zusätzlich in der Jugendseelsorge und der Jungscharseelsorge tätig.
Ich muss ganz ehrlich sagen, dass diese berufliche Laufbahn innerhalb der Diözese für mich eine große geistliche Wirksamkeit entfaltet hat. Nichts davon ist selbstverständlich. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich diese Stellen bekommen habe. Ich fühle mich sehr gut begleitet und gesegnet, dass ich diese Arbeit machen darf. Nebenbei bin ich Mutter von zwei Töchtern, die genau in der aktuellen Zielgruppe zwischen Jungschar- und Jugendalter sind.
Wertschätzung beginnt mit Hinschauen
Elke Pallhuber:
Danke, dass wir dich ein bisschen kennenlernen durften. Da war für mich auch Neues dabei.
„Das Auge sieht die Form, das Herz spürt den Wert.“ Dieser Satz steht auf der Karte, die wir vom k+lv zur Woche der Wertschätzung an Schulen und Kindergärten verteilen. Oder besser gesagt: Pädagoginnen und Pädagogen melden sich bei uns und bestellen diese Karten. Ich habe diesen Satz, der dieses Jahr in unseren Kärtchen steht, lange auf mich wirken lassen und auch ein Zitat von Anselm Grün gelesen: „Wenn wir mit unserem Herzen sehen, dann werden wir Freundschaft als hohes Gut achten.“
Die Beziehungen zu Arbeitskolleginnen können Freundschaften sein, müssen es aber nicht immer. Dennoch sind sie ein hohes und sensibles Gut, denn wir verbringen mit unseren Kolleginnen und Kollegen sehr viel Zeit unseres Lebens. Deshalb ist es auch wichtig, gut miteinander auszukommen.
Wenn ich auf meinen Alltag in der Kinderkrippe zurückblicke, kann ich mir gut vorstellen, wie es Lehrkräften und Elementarpädagoginnen und -pädagogen geht. Der Alltag ist oft sehr hektisch. Das Auge sieht unglaublich viel, und manchmal habe ich das Gefühl, dass das Herz mit dem Spüren kaum hinterherkommt. Dann kann es auch einmal unrund werden. Vielleicht vergisst man im Berufsalltag Dinge, die man mit dem Herzen sehen könnte. Vielleicht erinnert man sich auch nicht immer daran, wie wertvoll Kolleginnen und Kollegen und unsere Mitmenschen sind und welche Stärken sie haben.
Wie denkst du darüber? Wie könnte man wieder bewusster hinschauen oder das Herz darauf ausrichten? An welche kleinen Gesten denkst du, wenn du das hörst?
Silke Rymkuß:
Ich finde, eine der schönsten Gesten, die ich gleich nennen kann, sind eure Kärtchen. Sie sind mir begegnet, weil mich eine Nachbarin, eine Volksschullehrerin, gefragt hat, ob ich ihr welche mitbringen könne. Sie hat diese Karten an ihre Kolleginnen und Kollegen verschenkt.
Ansonsten hast du völlig recht: Man verbringt viel Zeit miteinander, und Freundschaften können wachsen. Kolleginnen und Kollegen sind oft wichtig für den Austausch – egal ob beruflich oder privat. Gerade für Lehrkräfte ist das besonders herausfordernd, weil sie auch zu Hause noch viel arbeiten. Ich habe Grundschullehramt studiert, und viele meiner Freundinnen sind Lehrerinnen. Sie erzählen, dass sie oft alleine am Tisch sitzen oder abends noch Dinge erledigen müssen. Das ist nicht gut für den gegenseitigen Austausch. Gleichzeitig höre ich immer wieder, dass Teamteaching und ein guter Austausch im Vorfeld enorm helfen.
Zum Thema Wertschätzung: Ich bin ein Mensch, der sagt, nicht jeder versteht sich mit jedem gleich gut. Wir mögen nicht jeden Menschen, das ist Realität. Es gibt Menschen, die uns mehr aufregen oder mit denen wir weniger gut zurechtkommen. Was ich aber ganz wichtig finde, ist, immer wieder einen Schritt zurückzutreten, zu reflektieren und zu sagen: Das muss nicht mein Freund oder meine Freundin sein, aber du bist meine Kollegin oder mein Kollege, und mit dieser Person muss ich respektvoll umgehen. Die Würde des Menschen zu sehen – auch wenn mir die Person als Persönlichkeit vielleicht nicht entspricht.
In einem professionellen Kontext müssen wir gut miteinander umgehen können. Das heißt nicht, dass wir zwangsläufig Freundschaften schließen müssen. Das ist nicht immer einfach. Aus eigener Erfahrung kann ich empfehlen: Sucht euch eine gute Freundin bzw. Freund oder eine Kollegin bzw einen Kollegen, mit der bzw mit dem ihr euch so gut versteht, dass ihr auch einmal Dampf ablassen könnt. Das mache ich auch privat. Danach kann ich wieder gut mit anderen Menschen umgehen.
Außerdem ist es wichtig, den eigenen Anspruch nicht auf andere zu übertragen. Jeder arbeitet anders, denkt anders und plant anders. Deshalb sollte man seinen eigenen Maßstab nicht auf andere anwenden, sondern zulassen, dass Menschen Dinge auf ihre Weise tun – solange sie mit Engagement dabei sind. So entstehen viele unterschiedliche Lösungen: Der eine Schreibtisch ist chaotisch, dafür gestaltet jemand hervorragende Arbeitsblätter; die nächste fesselt Menschen durch ihr Erzählen. Akzeptiere, dass niemand genau dieselben Stärken hat wie du.
Das muss man lernen: zulassen und akzeptieren. Das ist nicht immer einfach, besonders wenn viel Herzblut im Spiel ist. Als ich jung war, habe ich in der Museumspädagogik gearbeitet und einmal eine ältere Kollegin angepflaumt, weil ich dachte, ich könne alles besser. Heute, als Ältere, sehe ich: Warum habe ich mir das Recht genommen, darüber zu urteilen? Ein guter Austausch hilft: Wer kann was gut? Wer leistet welchen Beitrag? Nicht verurteilen, sondern sehen, was jede und jeder gut kann.
Das sage ich auch meinen Kindern immer wieder. Oft beschweren sie sich über ihre Lehrerinnen und Lehrer, weil diese wieder geschimpft haben. Dann sage ich: Wisst ihr denn, was bei diesen Menschen zu Hause gerade los ist? Vielleicht gibt es Krankheit, Sorgen, Probleme in der Ehe oder Kinder, die gerade besonders herausfordernd sind. Ihr wisst nicht, wie Menschen morgens zur Arbeit kommen.
Man kann das nicht immer abschütteln. Wenn ihr aber merkt, dass es über längere Zeit anhält, dann gebt Hinweise, sucht vielleicht ein Gespräch. Wer grundsätzlich ein gutes Miteinander pflegt, bekommt davon auch mehr mit. Ich sage mir selbst immer: Wenn es länger dauert, holt euch Hilfe, steht beieinander und unterstützt euch gegenseitig.
Das sind diese kleinen Gesten: unterstützen, einmal eine Schokolade hinlegen, an Geburtstage denken oder Ähnliches. Es sind viele kleine Gesten, die gut tun. Und ganz einfach: jeden Morgen freundlich „Guten Morgen“ sagen.
Es sind viele kleine Gesten, die gut tun.
Elke Pallhuber:
Ja, das stimmt. Das macht wirklich etwas aus, wenn man in ein Haus hineingeht. Man muss gar nicht viel miteinander reden – ein einfaches „Guten Morgen“ reicht oft schon, und man hat das Gefühl, gesehen zu werden.
Silke Rymkuß:
Ja, genau. Dieses Sehen und Nachfragen ist so wichtig. Ich bin kein Mensch, der ständig Komplimente verteilt, aber wenn mir etwas auffällt – wie zum Beispiel deine roten Strümpfe heute –, dann sage ich das auch: „Du siehst heute gut aus“ oder „Das gefällt mir sehr.“ Dadurch merken Menschen, dass sie wahrgenommen werden.
Oder auch ein kurzes Nachfragen: „Hast du heute noch viel vor?“ oder „Du wirkst traurig – geht es dir gut?“ Ein einfaches „Hey, wie geht’s?“ und ein wenig echtes Interesse. Es muss kein langes Gespräch entstehen. Es reicht oft schon, dass das Gegenüber merkt: Jemand sieht, dass es mir heute nicht so gut geht – oder dass es mir heute besonders gut geht.
Wenn kleine Gesten Großes bewirken
Elke Pallhuber:
Das ist wirklich schön. Während du erzählt hast, musste ich an meine Zeit in der Kinderkrippe denken. Wir waren ein sehr kleines Team, meist zu zweit oder zu dritt. Da arbeitet man sehr eng miteinander und nimmt die Stimmungen der anderen sehr deutlich wahr. Am Anfang kostete es uns etwas Überwindung den Grund der schlechten Laune auszusprechen.
Irgendwann kamen wir jedoch an den Punkt, an dem wir morgens offen sagen konnten: „Heute geht es mir nicht gut.“ Ohne alle Sorgen auszubreiten, sondern einfach ehrlich zu sein: „Ich habe heute Kopfweh“, „Der Morgen war stressig“ oder „Gestern ist zu Hause etwas passiert, das noch nachwirkt.“ Das war sehr wertschätzend, weil die Kollegin dann fragte: „Was möchtest du jetzt gerne machen? Möchtest du ein paar Minuten alleine sein und etwas in der Küche vorbereiten, kurz aufräumen oder lieber ins Spielzimmer zu den Kindern gehen? Was tut dir jetzt gut?“
Allein das zu hören, hat oft schon geholfen. Meist waren es nur zehn bis fünfzehn Minuten, und danach ging es mir wieder besser. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass es Überwindung kostet, jemandem ehrlich zu sagen: Heute fühle ich mich nicht gut.
Silke Rymkuß:
Ich finde das für die Einschätzung ganz wichtig. Wenn ich nicht weiß, wie es jemandem geht, beginne ich schnell zu interpretieren. Meistens hat die oder der andere ja tatsächlich „nur“ Kopfschmerzen. In diesem Zusammenhang habe ich viel von meinen Kindern gelernt: nicht gleich lösungsorientiert zu sein. Es reicht oft vollkommen, wenn jemand etwas aussprechen kann.
Zuhören statt sofort Lösungen anbieten
Ich bin ein sehr lösungsorientierter Mensch. Wahrscheinlich geht es vielen Müttern oder generell Menschen, die viel für andere organisieren, so, dass sie schnell eine Lösung anbieten möchten. Doch darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass jemand gehört wird und aussprechen darf, was gerade ist.
Ein Arbeitskollege hat mir dazu einen sehr guten Tipp gegeben. Er hat sich angewöhnt zu fragen: „Willst du erzählen oder willst du einen Rat?“ Das finde ich großartig und versuche, es so oft wie möglich umzusetzen. Wenn ich diese Frage stelle, nehme ich mich selbst zurück. Denn wenn ich sofort eine Lösung vorschlage, wirkt es schnell so, als würde ich etwas an mich ziehen und mich in den Mittelpunkt stellen, während die andere Person in den Hintergrund rückt.
„Willst du erzählen oder willst du einen Rat?“
Elke Pallhuber:
Das ist wirklich schön. Während du erzählt hast, musste ich an meine Zeit in der Kinderkrippe denken. Wir waren ein sehr kleines Team, meist zu zweit oder zu dritt. Da arbeitet man sehr eng miteinander und nimmt die Stimmungen der anderen sehr deutlich wahr. Am Anfang kostete es uns etwas Überwindung.
Irgendwann kamen wir jedoch an den Punkt, an dem wir morgens offen sagen konnten: „Heute geht es mir nicht gut.“ Ohne alle Sorgen auszubreiten, sondern einfach ehrlich zu sein: „Ich habe heute Kopfweh“, „Der Morgen war stressig“ oder „Gestern ist zu Hause etwas passiert, das noch nachwirkt.“ Das war sehr wertschätzend, weil die Kollegin dann fragte: „Was möchtest du jetzt gerne machen? Möchtest du ein paar Minuten alleine sein und etwas in der Küche vorbereiten, kurz aufräumen oder lieber ins Spielzimmer zu den Kindern gehen? Was tut dir jetzt gut?“
Allein das zu hören, hat oft schon geholfen. Meist waren es nur zehn bis fünfzehn Minuten, und danach ging es mir wieder besser. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass es Überwindung kostet, jemandem ehrlich zu sagen: Heute fühle ich mich nicht gut.
Silke Rymkuß:
Ich finde das für die Einschätzung ganz wichtig. Wenn ich nicht weiß, wie es jemandem geht, beginne ich schnell zu interpretieren. Meistens hat die oder der andere ja tatsächlich „nur“ Kopfschmerzen. In diesem Zusammenhang habe ich viel von meinen Kindern gelernt: nicht gleich lösungsorientiert zu sein. Es reicht oft vollkommen, wenn jemand etwas aussprechen kann.
Ich bin ein sehr lösungsorientierter Mensch. Wahrscheinlich geht es vielen Müttern oder generell Menschen, die viel für andere organisieren, so, dass sie schnell eine Lösung anbieten möchten. Doch darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass jemand gehört wird und aussprechen darf, was gerade ist.
Ein Arbeitskollege hat mir dazu einen sehr guten Tipp gegeben. Er hat sich angewöhnt zu fragen: „Willst du erzählen oder willst du einen Rat?“ Das finde ich großartig und versuche, es so oft wie möglich umzusetzen. Wenn ich diese Frage stelle, nehme ich mich selbst zurück. Denn wenn ich sofort eine Lösung vorschlage, wirkt es schnell so, als würde ich etwas an mich ziehen und mich in den Mittelpunkt stellen, während die andere Person in den Hintergrund rückt.
Elke Pallhuber:
Das finde ich einen sehr schönen Ansatz. Es hilft schon enorm zu wissen, dass die oder der andere „nur“ Kopfweh hat. Manchmal bezieht man das Befinden des Gegenübers auf sich selbst, und dadurch können Missverständnisse entstehen, die sich so aber vermeiden lassen.
Lob annehmen lernen
Silke Rymkuß:
Ja, ich finde es wichtig, sich immer wieder zu sagen: „Vielleicht hat das überhaupt nichts mit mir zu tun.“ Für die Beziehungsarbeit ist es außerdem hilfreich, sich im Negativen nicht so wichtig zu nehmen. Meistens hat es tatsächlich nichts mit einem selbst zu tun, wenn man von jemandem angeraunzt wird.
Im Positiven hingegen finde ich es unheimlich wertvoll, sich selbst ernst zu nehmen. Wir haben oft gelernt, dass man kein Lob braucht. Früher habe ich auf Lob häufig sehr bescheiden reagiert und gesagt: „Das ist doch meine Arbeit.“ Inzwischen habe ich gelernt, es anzunehmen, wenn ich etwas gut gemacht habe. Diese kleinen Gesten, jemandem zu sagen: „Das hast du wirklich gut gemacht“, finde ich sehr wichtig. Oder auch zu fragen: „Darf ich das übernehmen?“ oder „Darf ich mir das von dir abschauen?“ Auch das sehe ich als Wertschätzung.
Inzwischen habe ich gelernt, Lob anzunehmen, wenn ich etwas gut gemacht habe.
Elke Pallhuber:
Danke, dass du angesprochen hast, dass man Lob und positive Aufmerksamkeit ungeniert annehmen darf. Es ist schön zu merken, dass die eigene Arbeit und das eigene Tun anderen positiv auffallen und dass sie sich die Zeit nehmen, das auch auszusprechen. Man selbst ist oft sehr kritisch, doch es lohnt sich, Lob bewusst anzunehmen.
Silke Rymkuß:
Das ist sicher auch ein Frauenthema. Mir fällt das ebenfalls nicht immer leicht. Gerade deshalb halte ich es für so wichtig, den eigenen Erfolg wahrzunehmen, ihn zu feiern und sich selbst auch einmal auf die Schulter zu klopfen.
Jugendliche begleiten - mit Humor und Haltung
Elke Pallhuber:
Du bist Jugendseelsorgerin und arbeitest viel mit jungen Menschen zusammen. Alle, die Kinder durch die Pubertät begleiten – ob als Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen oder auch als Außenstehende –, tun sich im Umgang oder beim Finden der richtigen Worte manchmal schwer.
Vom Herzen her wissen wir um den Wert dieser jungen Menschen und spüren unsere Zuneigung zu ihnen. Oft fällt es jedoch schwer auszuhalten, was man sieht, weil gefühlt Welten aufeinanderprallen.
Welchen Tipp für das richtige Hinschauen kannst du uns geben, wenn die bis dahin gewohnte Kommunikation nicht mehr so gut funktioniert?
Silke Rymkuß:
Ich muss ehrlich zugeben: Als Mutter gelingt mir das auch nicht immer – das ist einfach eine andere Situation. In der Arbeit habe ich ein anderes Setting, und dort kann ich sehr viel mit Humor nehmen. Ich lache unheimlich oft, überhaupt nicht abwertend, sondern weil es meist Missverständnisse sind, die zwischen den Generationen entstehen. Deshalb lache ich auch viel über mich selbst.
Eine kleine Geschichte aus meiner Anfangszeit über die Sprachbarriere als Deutsche in Tirol: Ich arbeitete mit einer Gruppe pubertierender Mädchen, die immer vom „Schmusen“ gesprochen haben. Ich habe lange nicht verstanden, was sie damit meinten, denn in Deutschland ist „Schmusen“ gleichbedeutend mit Kuscheln. Irgendwann habe ich verstanden, was das Wort hier in Tirol bedeutet, und musste einfach lachen. Ich habe den Mädchen dann von meinem Missverständnis erzählt, und sie mussten ebenfalls lachen.
Authentisch zu sein, finde ich sehr wichtig. Es passiert mir immer wieder, dass ich Jugendsprache nicht richtig verstehe oder merke, dass bestimmte Begriffe plötzlich in meinen eigenen Sprachgebrauch übergegangen sind – darüber kann ich dann herzlich über mich selbst lachen.
Beim Humor ist mir wichtig zu betonen, dass ich nicht über andere lache, sondern über die Situation. Der Blick von außen und das gemeinsame Lachen nehmen viel Ernst aus einer Situation heraus und helfen, Konflikte aufzuweichen.
Ich habe in Deutschland Grundschullehramt studiert, weil ich ursprünglich nicht mit pubertierenden Jugendlichen arbeiten wollte. Und heute ist genau diese Altersgruppe meine liebste, weil sie so grottenehrlich ist.
Jugendliche sind grottenehrlich - und genau das macht sie so besonders.
Eine große Herausforderung ist für mich, dass man Jugendlichen ihre Gefühle sofort ansieht. Man sieht ihnen ins Gesicht, wenn sie gelangweilt sind. Ich habe gelernt, das nicht persönlich zu nehmen. Im beruflichen Kontext gelingt mir das deutlich besser als zu Hause. Ich versuche bewusst, es nicht auf mich zu beziehen.
Mir fällt auf, dass Jugendliche oft sehr abwertend miteinander umgehen, und ich bin manchmal überrascht, was sie sich gegenseitig an den Kopf werfen. Da denke ich: Wir müssen einen Gegenpol setzen. Gerade während der Corona-Zeit habe ich erlebt, wie Lehrerinnen und Lehrer Wertschätzung ganz bewusst in den Unterricht integriert haben. Mein Eindruck ist, dass junge Menschen grundsätzlich wertschätzend voneinander denken, aber im direkten Miteinander eine andere Sprache sprechen.
Dafür braucht es viele Methoden, zum Beispiel Wertschätzungskarten, bei denen jede und jeder zieht und schaut, was er oder sie gut kann. Und es braucht ein Gespür für Komplimente – nicht immer nur das Negative hervorheben.
Meine Tochter kam eines Tages nach Hause und erzählte, dass in ihrer Gruppe begonnen wurde, sich gegenseitig zu sagen, was man aneinander nicht mag. Es ging wohl darum, zu lernen, mit Kritik umzugehen, aber das hat offenbar nicht gut funktioniert. Da habe ich zurückgefragt: „Sagt ihr euch auch, was ihr aneinander gut findet?“ Den Umgang untereinander empfinde ich oft als sehr hart.
Einen Gedanken möchte ich hier besonders hervorheben: Meine Gedanken bestimmen mein Handeln. Da schließt sich der Kreis zu Kolleginnen und Kollegen, mit denen man nicht gut klarkommt. Man neigt schnell dazu, abwertend zu denken. Ich versuche ganz bewusst, das zu stoppen und meine Gedanken ins Neutrale oder Positive zu wenden, indem ich mir sage: Das kann er oder sie gut. Das sind seine oder ihre Stärken.
Ich nehme wahr, dass unsere Gesellschaft oft sehr negativ denkt und das auch laut äußert. Ich selbst nehme mir daher vor, bewusst zu sagen: „Das gefällt mir an ihr“ oder „Das schätze ich an ihm“.
Dankbarkeit als tägliche Haltung
Und zum Schluss noch etwas, das viel mit meinem Glauben zu tun hat: Ich sage sehr oft „Danke, lieber Gott“. Das ist mein kurzes Gebet, das ich mehrmals am Tag spreche – egal ob im Straßenverkehr, wenn eine Situation gut ausgegangen ist, mir ein Kollege etwas Nettes auf den Tisch gelegt hat oder ich ein besonders gutes Gespräch führen durfte.
Elke Pallhuber:
Wie schön – man muss kein Buch aufschlagen, nichts auswendig lernen, sondern es einfach sagen. Und es kommt von Herzen!
Silke Rymkuß:
Ja, für mich ist es ein „Gott sei Dank“. Diese Dankbarkeit ist mir persönlich sehr wichtig, und ich finde es ebenso wichtig, sie auch bei Jugendlichen zu fördern.
Junge Menschen ernst nehmen
Elke Pallhuber:
Ich erinnere mich an eine Diskussion mit meinem Sohn, er war damals 14 Jahre alt. Als Mutter hatte ich in diesem Moment das Gefühl, recht haben zu müssen und als Siegerin aus der Diskussion hervorgehen zu wollen. Mein Sohn argumentierte jedoch so gut, dass mir klar wurde: Ich habe kein Gegenargument – er hat einfach recht. Es war eine hitzige Debatte, und er stürmte wütend die Treppe hinauf. Da musste ich ihm einfach nachrufen: „Da hast du recht!“
Ich erinnere mich auch noch sehr gut daran, wie aus der aufgeladenen Stimmung, die sich wie zwei Gewitterwolken angefühlt hatte, plötzlich die Spannung wich. Die Atmosphäre zwischen uns war auf einmal ganz anders – leichter und viel besser.
Silke Rymkuß:
Ich habe in dieser Hinsicht auch einige Erfahrungen mit meinem Vater gemacht, und das hat sich für mich ganz ähnlich angefühlt. Mein Vater wollte oft als derjenige aus einem Konfliktgespräch hervorgehen, der „gewonnen“ hat. Ich erinnere mich gut daran, wie ich zu Beginn meiner Pubertät häufig weinend aus dem Zimmer gegangen bin. Gegen Ende der Pubertät schwieg er dann einfach, und ich wusste: Jetzt gibt er das Gespräch frei – ich kann gehen.
Ein Stück weit habe ich dieses Verhalten übernommen, dieses „Macht-Diskutieren“. Irgendwann ging es gar nicht mehr darum, gemeinsam eine Lösung zu finden oder in einen echten Austausch zu kommen, sondern darum, als Siegerin aus dem Gespräch hervorzugehen. Zum Glück habe ich das erkannt und verstanden, wie sinnlos das eigentlich ist. Es darf ja durchaus sein, dass sowohl deine Position als auch meine Position ihre Berechtigung haben. Das anzuerkennen, finde ich unglaublich wichtig.
Mir fällt auf, dass wir einander oft gar nicht mehr richtig zuhören. Jede und jeder möchte gerne recht behalten, anstatt Argumente auszutauschen und voneinander zu lernen. Dabei ist gerade die Kompromissbereitschaft so entscheidend, denn die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß, sondern besteht aus vielen Grautönen.
Für mich persönlich ist es außerdem wichtig, das Verhalten anderer zu erklären, ohne es zu entschuldigen. Das bedeutet nicht, ein Verhalten gutzuheißen, sondern vielmehr, Raum für Verständnis zu öffnen. Das halte ich besonders in Klassengemeinschaften für sehr wichtig. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Erfahrungen und Belastungen mit in den Unterricht bringen. Das heißt aber nicht, dass alle anderen alles mittragen müssen. Entscheidend ist, einen Raum zu schaffen, in dem Verständnis möglich ist, damit niemand sofort abgestempelt oder in eine Ecke gestellt wird. So kann Mitgefühl entstehen, ohne das Verhalten zu entschuldigen oder zu verharmlosen.
Elke Pallhuber:
Was für ein schöner Gedanke: Man sieht, was passiert ist, und nimmt es wahr – das bedeutet jedoch nicht, dass alles entschuldigt wird. Wir wissen auch, dass hinter manchem Verhalten ein Hilferuf steckt.
Silke Rymkuß:
Dennoch müssen die Betroffenen lernen, dass nicht die anderen die Leidtragenden sein dürfen. Wenn sie Pech haben und die Eltern keine Hilfe in Anspruch nehmen, ist die Schule oft der einzige Ort, der sie auffängt. Solche Schülerinnen und Schüler können Gruppen- oder Klassengemeinschaften sprengen – das ist nicht einfach. Lehrerinnen und Lehrer sind meist über die Hintergründe informiert und haben daher einen anderen Umgang damit, während die Mitschüler*innen das nicht wissen. Das führt zu einem als ungerecht empfundenen Bild: „Warum darf sie oder er das, und ich muss bei jeder Kleinigkeit …?“ Das ist eine sehr schwierige Situation. Oft bin ich froh, nicht in der Rolle der Lehrkräfte zu stecken.
Das Auge sieht die Bildungsarbeit - das Herz euren Einsatz
Pädagoginnen und Pädagogen – egal ob in der Schule oder im elementaren Bildungsbereich – leisten enorm viel. Wenn man einmal hinter die Kulissen blickt und selbst erlebt, was diese Menschen an einem einzigen Tag leisten, versteht man gut, warum sie abends müde sind und das Wochenende sowie die Ferien zur Regeneration brauchen.
Silke Rymkuß:
Es regt mich oft auf, wenn diese Leistungen nicht gesehen werden. Ich habe meine Examensarbeit über das Bild von Lehrerinnen geschrieben und bin als Mutter auch in solchen WhatsApp-Gruppen. Wenn dort über Lehrerinnen und Lehrer hergezogen wird, denke ich oft: Ihr habt keine Ahnung, was diese Menschen alles leisten. Gerade im Volksschulbereich denken viele Eltern, sie könnten das selbst besser. Die Corona-Pandemie hat hier ein Stück weit zu mehr Verständnis und Wertschätzung beigetragen.
Ich möchte auch anmerken, dass es in jedem Beruf Menschen gibt, die ihre Arbeit hervorragend machen, während es für andere „nur“ ein Job ist. Manche haben vielleicht nicht die richtige Entscheidung getroffen oder können ihre Situation gerade nicht ändern. Uns allen begegnen Menschen, die nicht immer in Topform sind. Wir sind schließlich Menschen – und wie man in Tirol so schön sagt: „Es tuat menschalen.“
Elke Pallhuber:
Ich möchte noch einmal zu unserem Ausgangssatz zurückkommen: „Das Auge sieht die Form, das Herz spürt den Wert.“ Darüber haben wir nun viel nachgedacht, und du hast so viele wertvolle Gedanken eingebracht. Ich möchte mich bedanken: Danke, lieber Gott, für dieses schöne Gespräch und für die Zeit, die ich mit Silke verbringen durfte. Ich habe unser Gespräch sehr genossen.
Gibt es von deiner Seite noch etwas, das dir wichtig ist und das du gerne ergänzen möchtest?
Silke Rymkuß:
Wertschätzung kann so viel Gutes bewirken, wenn wir versuchen, jeden Menschen in seiner individuellen Art wertzuschätzen. Abwertung finde ich schrecklich, und Wertschätzung ist der Schlüssel zu einem guten Miteinander. Gott hat uns nach seinem Abbild geschaffen, und deshalb verdient jeder Mensch Wertschätzung – unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht oder Religion. Das gilt für alle.
Elke Pallhuber:
Das ist ein wunderbares Schlusswort. Vielen Dank für deine Zeit und für dieses Gespräch, liebe Silke.
Wertschätzung ist der Schlüssel zu einem guten Miteinander.
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