Bildung mit Sinn, Tiefe und Perspektive

"Wozu brauche ich das?" - Seit der Einführung von Ethik in der Oberstufe stabil bleibende Abmeldezahlen zeigen das nach wie vor hohe Interesse am Religionsunterricht. Schüler*innen schätzen neben der Aktualität die Lebensnähe der behandelten Fragen. Es geht um sie selbst, um ihre "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst" (Gaudium et spes). Basierend auf der gelebten Glaubens- und Kirchengeschichte, suchen engagierte Religionslehrer*innen gemeinsam mit ihren Schüler*innen Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit: ergebnis- und diskussionsoffen, kritisch, kreativ und kommunikativ.

Die Frage nach Krieg und Frieden

Für Franziskus war die Frage nach Frieden zentral, der für ihn ein erlernbares Handwerk darstellt. Als Ressource für ein friedliches Miteinander wird eine Haltung des demütigen Zuhörens beschrieben.

Friedenserziehung spielt im Religionsunterricht auf unterschiedlichste Weise eine wichtige Rolle. Exemplarisch dafür steht die Aktion „Freundschaften knüpfen“ zum Tag der Herzlichkeit 2026. Laut der aktuellen Jugendstudie „Lebenswelten“, sorgt sich mehr als ein Drittel der 14- bis 18-Jährigen um den Krieg in Europa. Freundschaften bilden für fast alle Schüler*innen einen starken Rückhalt. Rund um den Tag der Herzlichkeit haben zahlreiche Religionslehrpersonen, teils in Zusammenarbeit mit dem Fach Kunst und Design, über 10.000 Freundschaftsbänder geknüpft, die symbolisch im Maßstab 1:1000 die Strecke zwischen Innsbruck und Kiew als Zeichen der Solidarität umspannen und am 12.06. verschenkt wurden.

Immer wieder tragen soziale und karitative Aktionen im Religionsunterricht dazu bei, dass die Schüler*innen ein Stück Selbstwirksamkeit erleben und die Welt im Kleinen ein Stück besser machen.

Luftlinie Innsbruck - Kiev symbolisch verknüpft (c) Fotocredits: Elisabeth Hammer

Liebe zur Schöpfung

Aus der Liebe zum Nächsten erwächst für den Heiligen Franziskus die unbedingte Liebe zur Schöpfung. Unmittelbar nach dem für ihn prägenden Zusammentreffen mit dem Lepra-Kranken verfasst Franziskus den weltberühmten Sonnengesang „Laudato Si“. Auch in der 2015 unter dem gleichen Titel erschienenen Enzyklika von Papst Franziskus verweist dieser auf den engen Zusammenhang zwischen der Sozialen Frage und dem Klimawandel. Die Aktualität des Zitats „Unser gemeinsames Haus brennt“ wurde uns diesen Sommer drastisch vor Augen geführt.

Ganz im Sinnes des übergeordneten Unterrichtsprinzips Bildung für nachhaltige Entwicklung werden im Religionsunterricht ausgehend von der Schöpfungsverantwortung und der Katholischen Soziallehre gemeinsam mit den Schüler*innen Hoffnungsszenarien für ein gutes Leben aller entwickelt, Konsumlogiken kritisch hinterfragt und kleine Verhaltensänderungen im eigenen Alltag angeregt. Oft bin ich mit den Klassen in den nahegelegenen Park gegangen, eine willkommene Unterbrechung im stressigen Schulalltag. Die Frische des Schattens der alten Bäume hat uns bei den verschiedenen Gruppenarbeiten und Impulsen die Schönheit und das Schützenswerte der Schöpfung konkret erfahrbar gemacht. In der aktuellen Religionspädagogik finden kleine Pilgererlebnisse mit den Schüler*innen im Sinne eines performativen Religionsunterrichts zunehmend Anklang. Wer als Lehrperson Kraft inspiriert von Laudato Si tanken möchte, ist eingeladen, den neuen Pilgerweg von Innsbruck zum Bildungshaus St. Michael auszuprobieren: Via Laudato si' - Diözese Innsbruck

Schöpfung erleben beim Unterricht im Freien (c) Fotocredits: Elisabeth Hammer

Institutionen reformieren

Franziskus war ein Reformer. Beim Gebet vor dem Kreuz in San Damiano hörte er der Legende nach den Ruf Christi „Va´ e ripara mia casa!“ (Geh, und baue mein Haus wieder auf), dem er konsequent und stets mit dem Evangelium als Richtschnur folgte. Viele kirchlichen Privilegien und Fehlentwicklungen kritisierte er.

Auch der konfessionelle Religionsunterricht muss sich Reformanfragen bedingt durch demographische Entwicklungen und geänderter Bedürfnisse unserer zunehmend pluralen Gesellschaft stellen. Erstmals wurde in Österreich im Auftrag der Bischöfe von der Konferenz der Schulamtsleiter*innen (SALK) im Frühjahr 2026 ein Positionspapier zum schulischen Religionsunterricht herausgegeben. Inklusion, Demokratiebildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, interreligiöse Bildung und der Erwerb religiöser Sprachfähigkeit sind nur einige zentrale Anliegen religiöser Bildung in der Schule. Besonders religionskooperative Formen werden als zukunftsträchtige Modelle betrachtet. Diese gilt es, so Bischof Krautwaschl in seinem Vorwort, im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten auszuloten und zu erproben.

Auch der konfessionelle Religionsunterricht muss sich Reformanfragen bedingt durch demographische Entwicklungen und geänderter Bedürfnisse unserer zunehmend pluralen Gesellschaft stellen.

Innovative Modelle wie z.B. „Religion und Religionen“, ein seit dem Schuljahr 2025/26 gemeinsamer Religionsunterricht an den Tiroler und Vorarlberger Berufsschulen, können einer der zukunftsweisenden Wege sein, wie angesichts religiöser Heterogenität gerade der Religionsunterricht zu einen Ort des Dialogs und des Verständnisses füreinander werden kann. Begegnungslernen ist ein wichtiges Instrument gegen Fundamentalismen und ein konkreter Beitrag zur Demokratiebildung.

Studientage der Berufsschul-Lehrpersonen zum Dialogischen Lernen im Jänner 2026 (c) Fotocredits: Elisabeth Hammer

Gewissen/Gehorsam

Gut mit sich selbst im Kontakt zu bleiben und sich immer wieder zu fragen, „Herr, was willst du von mir?“ war für den Heiligen Franziskus wesentlich. Die Letztentscheidung war für ihn stets eine Gewissens-, keine Gehorsamsfrage.

Der Religionsunterricht leistet durch eine auf dem humanistisch-christlichen Welt- und Menschenbild basierenden Wertevermittlung einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeits- und Gewissensbildung. Zahlreiche aktuelle ethische-gesellschaftspolitische Fragen bis hin zu unserem Umgang mit der Künstlichen Intelligenz werden diskutiert. Der Religionsunterricht stellt so ein wertvolles Sinnangebot für die Schüler*innen dar, wie es auch Papst Leo XIV in seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas“ für künftig relevant erachtet: „Angesichts eines zunehmend fragmentierten Wissens wird es schwieriger, die Wirklichkeit als Ganzes zu erfassen, Fragen nach dem Sinn zu stellen und ein authentisches, kritisches und kreatives Denken zu entwickeln. […] Es bedarf der Förderung einer echten Hygiene der Aufmerksamkeit: mit Rhythmen, die Stille, vertieftes Studium, Lesen und besonnene Kommunikation beinhalten. Ohne diese Elemente kann die innere Freiheit beeinträchtigt werden.“ (146).

 

Junge Nord- und Südtiroler Religionslehrer*innen erzählen von ihrem Job (c) Fotocredits: Elisabeth Hammer

Interesse am Reli-Unterricht geweckt?

Aktuell läuft auf Instagram eine Kampagne in Westösterreich und Südtirol, in der für die Ausbildung und den Beruf als Religionslehrperson geworben wird: https://www.instagram.com/rethink_religion/

Die KPH Edith Stein bietet einen dreisemestrigen Hochschullehrgang „Grundqualifikation für Katholischen Religionsunterricht“ an, Anmeldungen für den nächsten Durchgang ab März 2028 werden bereits gesammelt: alexander.van-dellen@kph-es.at.

Quellenangaben und weiterführende Literatur

Elisabeth Hammer
Elisabeth Hammer Mag.

Elisabeth Hammer ist seit Herbst 2023 als Schulamtsleiterin in der Diözese Innsbruck mit den Schwerpunkten Weiterentwicklung des Religionsunterrichts, Personal, kirchliche Leitungsaufgaben, Katholische Privatschulen tätig. Sie ist mit einem Südtiroler verheiratet und Mutter zweier erwachsenen Söhne.

Nach ihrem Lehramtsstudium für Kombinierte Religionspädagogik und Französisch an der Universität Innsbruck, Unterrichtspraktikum am BORG Telfs war sie

Langjährig als Religionslehrerin an der Wirtschaftsfachoberschule in Brixen/Südtirol mit den Schwerpunkten sprachsensibler Religionsunterricht, Digitalität, Schulentwicklung und werteorientierte Erziehung tätig.

Dieser Artikel erscheint unter Creative Commons, BY-NC-SA.

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