Zukunft gestalten - Lernräume schaffen

Wie können wir sicherstellen, dass Lehrpersonen von morgen nicht nur Wissen vermitteln, sondern ihre Schüler:innen zu verantwortungsvollen Gestalter:innen einer nachhaltigen Zukunft befähigen? Diese Frage wird immer drängender. Wir brauchen Bildung, die nicht nur informiert, sondern transformiert – die Menschen dazu bewegt, anders zu denken und zu handeln. An der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule (KPH) Edith Stein wurde ein Bildungsformat entwickelt, welches genau das versucht. Dieser Beitrag zeigt, wie es gelingen kann.

Die Langform des Beitrags steht als PDF zur Verfügung.

Die KPH Edith Stein sieht sich als Bildungsstätte für angehende Pädagog:innen in besonderer Verantwortung, Lehrpersonen auszubilden, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch die persönliche und soziale Entwicklung junger Menschen fördern – im Sinne der nachhaltigen Entwicklungsziele.

Lehrer:innen prägen bereits in den ersten Schuljahren grundlegende Denk- und Werthaltungen. Daher ist es entscheidend, dass sie reflektiert, kritisch und fachlich fundiert handeln. Nur so können sie Kinder dabei unterstützen, sich zu mündigen, empathischen und handlungsfähigen Weltbürger:innen zu entwickeln. Aus diesem Grund wurde an der Hochschule ein Bildungsformat konzipiert, welches Studierenden des Lehramts Primarstufe ermöglicht, sich kritisch mit eigenen Haltungen, Fragen der nachhaltigen Entwicklung, kooperativen Problemlöseformen und passenden Unterrichtskonzepten auseinanderzusetzen.

Theorie und Praxis verbinden

Im Seminar "Gesellschaftsrelevante Themen und Perspektiven" arbeiten die Studierenden an ausgewählten Themen des globalen Lernens und erhalten Impulse zu diversitätssensibler und rassismuskritischer Bildung. Anhand von Schulbuchdarstellungen und anderen Unterrichtsmaterialien (z. B. Liedtexten, Kinderbüchern, Weltkarten) reflektieren sie unter anderem gesellschaftliche Normalvorstellungen.

Zudem lernen sie geeignete Unterrichtsformate kennen, die Erkundungs- und Gestaltungsräume bieten und es Lernenden ermöglichen, in selbstgesteuerten Prozessen an akzentuierten Beispielen zu arbeiten. Um eine gewinnbringende Umsetzung im Rahmen des Schulpraktikums (3./4. Schulstufe) zu gewährleisten, wurde für dieses Bildungsformat der Werkstattunterricht nach Jürgen Reichen gewählt, denn nur in einem flexiblen Arrangement können eigenständiges Denken, Dialog und individualisierte Lernprozesse realisiert werden.

 

Abb. 2: Theorie und Praxis verbinden

In Vorbereitung auf das Schulpraktikum werden die im Seminar ausgearbeiteten Angebote inhaltlich und bezüglich des Schwierigkeitsgrades (z. B. Lesetexte auf verschiedenen Niveaus) erweitert und fächerübergreifende Angebote aktuell angepasst (z. B. bei Sachaufgaben/ Nachdenkaufgaben). Gemeinsam mit der Praxislehrperson gilt es zu besprechen, wie Kinder mit besonderen Bedürfnissen achtsam und einfühlsam unterstützt werden können. Bei all diesen Überlegungen sind Aspekte der Nachhaltigkeit zu beachten (nur Notwendiges folieren, insgesamt nur wenige Kopien anfertigen, ...).

Werkstattunterricht in der Praxiswoche

Am ersten Tag der Praxiswoche werden die Schüler:innen mit einem im Seminar erprobten themenbezogenen Unterrichtseinstieg und einem fragend-entwickelnden Unterrichtsgespräch in die Thematik eingeführt. Kinder werden dazu angeregt, eigene Forschungsfragen zum Thema zu entwickeln und Bücher und Materialien von zuhause mitzubringen. Ziel des Lernens in dieser Woche ist eine interessensbezogene Vertiefung in ausgewählte Themengebiete und nicht das Abarbeiten aller Angebote. Ein Werkstattplan dient zur Orientierung und Dokumentation. Täglich arbeiten die Schüler:innen ein bis zwei Unterrichtseinheiten am Thema. Studierende sowie alle Lehrpersonen der Klasse stehen als Lernbegleiter:innen zur Verfügung. Im Anschluss erfolgt eine Nachbesprechung anhand gut durchdachter Fragestellungen, die Informationen bzgl. Schwierigkeiten, Wissensständen, Unsicherheiten und Vorlieben liefern. Diese werden dazu genützt, eventuelle Veränderungen vorzunehmen.

Sowohl bei der Vorbereitung als auch der Durchführung und Nachbereitung ist ein gutes Zusammenspiel aller Beteiligten förderlich. Grundlegend für das Gelingen dieser Zusammenarbeit ist die Bereitschaft, im gegenseitigen, respektvollen Austausch voneinander und miteinander zu lernen.

Die Stimmen der Studierenden: Was sie gelernt haben

Eine schriftliche Befragung im Anschluss an die Praxiswoche zeigte Veränderungen im Denken und Handeln der Studierenden.

Tiefere Einsichten statt oberflächlichem Wissen: Viele Studierende schätzten die Möglichkeit, sich intensiv in ein selbst gewähltes Thema der nachhaltigen Entwicklung vertiefen zu können. "Dass ein spezifisches Thema so viele interessante und unterschiedliche Aspekte aufweisen kann, wenn man sich einmal näher damit befasst," beeindruckte eine:n Befragte:n (Stud. 35). Ein:e andere:r meinte: "Viele Zahlen und Fakten haben mich schockiert, obwohl ich bereits wusste, dass es sehr viele negative Auswirkungen auf Menschen und Natur gibt." (Stud. 9) Diese intensive Auseinandersetzung führte bei einem Großteil der Studierenden zu einem kritischeren Blick auf das eigene Alltagsverhalten. Vielen wurde bewusst, wie stark individuelles Handeln sowohl das unmittelbare Umfeld als auch globale Zusammenhänge beeinflusst. Ein:e Studierende:r drückte das folgendermaßen aus: "Mein Handeln wirkt sich auf die ganze Welt aus." Stud. 18) Ein:e andere:r resümierte knapp: "Ich kann etwas verändern!" (Stud. 22) Infolgedessen achten die zukünftigen Lehrpersonen verstärkt darauf, Verantwortung zu übernehmen und bewusste Entscheidungen zu treffen: "Ich mache mir vermehrt Gedanken dazu, wie ich selbst aktiv zu einem positiven Wandel beitragen kann." (Stud. 3)

Lehrpersonen als Vorbilder und Multiplikator:innen: Die Studierenden erkannten die Bedeutsamkeit ihrer zukünftigen Rolle. "Wir sind Vorbilder für die Kinder. Gerade als Lehrpersonen kann man etwas bewirken und Kinder zum Nachdenken anregen", betonte ein:e Befragte:r (Stud. 18). "Man kann nicht davon ausgehen, dass die Eltern verantwortungsbewusst mit diesen Themen umgehen, daher sind die Lehrpersonen für viele Kinder sehr wichtig", bemerkte ein:e andere:r Studierende:r (Stud. 1). Im Unterricht sollte nicht allein die Wissensvermittlung im Vordergrund stehen. Vielmehr gehe es darum, Kindern schon möglichst frühzeitig die Bedeutsamkeit nachhaltigkeitsbezogener Fragestellungen bewusst zu machen und sie zu eigenständigem, verantwortungsbewusstem Handeln zu ermutigen: "Kinder müssen von klein auf für Nachhaltigkeitsthemen sensibilisiert werden." (Stud. 16)

Offene Lernformen wirken: Ein Großteil der Befragten erkannte, dass handlungsorientierte und schüler:innenzentrierte Ansätze essentiell sind. Offene Lernsettings mit Raum für Eigeninitiative, kooperative Zusammenarbeit und fächerübergreifendes Arbeiten seien dabei ebenso wichtig wie ausreichend Gelegenheiten für Diskussionen und kritische Reflexion. Ein:e Studierende:r resümierte: "Ich habe das Gefühl, dass die Kinder sehr zum Nachdenken angeregt worden sind." (Stud. 37) Ein:e andere:r beschrieb ihre:seine veränderte Haltung prägnant: "Nun erachte ich kooperative Lernformen als effektiver als zuerst gedacht." (Stud. 12) Zwei Studierende empfanden als sehr herausfordernd, "mit einer eher unbekannten Klasse" (Stud. 14) schüler:innenzentrierten Unterricht durchzuführen. Ein:e andere:r Befragte:r merkte kritisch an: "Nicht für jede angehende Lehrperson ist offener Unterricht die richtige Methode." (Stud. 9) Viele Studierende wurden darin bestärkt, dass Unterrichtsformen, die sich an der Lebenswelt der Kinder orientieren und ihre Interessen und Fragen miteinbeziehen, zentral für nachhaltiges Lernen sind. Dies wird besonders deutlich in folgender Aussage: "Mich hat das Interesse der Kinder überrascht und ihre Motivation zum selbständigen Lernen sehr beeindruckt. Daher werde ich das Prinzip in meiner eigenen Klasse auch umsetzen." (Stud. 33)

Lernräume gestalten – eine Aufgabe für die Zukunft

Die zentrale Erkenntnis ist klar: Lehrer:innenbildung muss transformativ sein. Solche Transformationen entstehen nicht zufällig. Sie brauchen

  • Räume für Reflexion, in denen eigene Denkmuster hinterfragt werden
  • Räume für Ideen, in denen Kreativität ihren Platz hat
  • Räume zum Ausprobieren, in denen echte Erfahrung möglich ist
  • Räume zum Lernen, in denen Fehler als Lernchance verstanden werden
  • Räume für Austausch, in denen alle voneinander lernen
  • Räume für Gerechtigkeit, in denen alle gesehen werden
  • Räume für Visionen, um ohne Grenzen zu denken

 

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Zu diesem Beitrag gibt es eine lange Version zum Download.

Eva Salvador
Eva Salvador Mag., Dipl.-Päd.

Hochschulprofessorin an den Instituten für Lehrer:innenbildung und Pädagogisch Praktische Studien und Schulforschung an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Edith Stein. Schwerpunkte in Lehre und Forschung: Pädagogische Diagnostik, Beratung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Professionalisierung von Pädagog:innen

Sonja Waldner
Sonja Waldner Mag., BEd, Dipl.-Päd.

Hochschulprofessorin an den Instituten für Lehrer:innenbildung und Pädagogisch Praktische Studien und Schulforschung an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Edith Stein. Schwerpunkte in Lehre und Forschung: Didaktik Deutsch und Sachunterricht, Professionalisierung von Pädagog:innen

Dieser Artikel erscheint unter Creative Commons, BY-NC-SA.

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