Von Dauer-Verfügbarkeit zu Welt-Begegnung
Ein sinnesorientierter und theaterpädagogischer Ansatz.
„Unsere Sicht der Welt wird davon gesteuert, wo die schönen Dinge sind. [...] Wenn uns etwas schön vorkommt, bringt das Freude in unseren Alltag. Schöne Dinge machen uns glücklich“,1 sagt Psychologe Helmut Leder.
Schön… Aber was ist Schönheit? Was macht digital optimierte und KI generierte Schönheit mit uns? Und vielleicht relevanter für die Praxis der Begleitung von Jugendlichen: Wo, neben der Betrachtung von Schönheit, erleben wir, noch Glück, Akzeptanz, Verbindung?
Menschen beurteilen Schönheit im Kontext sozialer Vergleiche. Unsere Wahrnehmung ändert sich schnell, wenn sich die Vergleichsgruppe ändert. Wir passen unser Schönheitsempfinden an unser Umfeld und unseren Alltag an. Laut Susie Orbach, Journalistin und Psychotherapeutin, werden wir allerdings 2.000 bis 5.000 Mal pro Woche mit Bildern digital manipulierter Körper konfrontiert.2 Unsere Vergleichsgruppe speist sich demnach zu einem erheblichen Teil aus Bildern, in denen Realität „optimiert“ oder jedenfalls verändert wurde.
Jugendliche unter Druck
Die Studienlage zu den Auswirkungen von idealisierten Körperbildern vor allem auf Jugendliche ist noch ausbaufähig, allerdings werden zunehmend Zusammenhänge zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und depressiven Symptomen, geringerer Lebenszufriedenheit sowie Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns sichtbar.
Auch die 2024 veröffentlichte österreichische Jugendstudie zum Thema „Schönheitsideale im Internet“3 kommt auf ähnliche Ergebnisse: Jugendliche fühlen sich durch omnipräsente, idealisierte Körperbilder im digitalen Raum großem Druck ausgesetzt. Über die Hälfte der Befragten würde gerne etwas am eigenen Aussehen ändern, mehr als ein Viertel hat schon einmal über eine Schönheitsoperation nachgedacht. Dabei wird Social Media und insbesondere Influencerinnen und Influencern großer Einfluss auf die Selbstwahrnehmung zugeschrieben.
Ergänzend dazu belegen diverse Analysen auch positive Aspekte der (zeitlich überschaubaren) Social-Media-Nutzung für die Identitätsentwicklung junger Menschen wie u. a. niederschwelliger Zugang zu Information und Kommunikation, Stärkung von Beziehungen, Kreativität, Unterhaltung, Experimentieren mit Identitäten, anonymes Ansprechen von Sorgen oder Problemen, Entwicklung von Gruppenzugehörigkeit.
Sehnsucht nach Nähe
Persönlichen Kontakt, echte Gespräche und gemeinsame Zeit mit anderen beschreiben junge Menschen allerdings in der Studie „Zukunft Gesundheit 2025“4 als bedeutendste Glücksfaktoren. Gaming und Social-Media-Surfen landen im Ranking ganz hinten.
Nach wirksamen Strategien zum Umgang mit den negativen Einflüssen von Social-Media-Konsum befragt, nennen Jugendliche selbst: die Förderung der Selbstakzeptanz, Reflexion, Social-Media-Pausen und gegenseitige Unterstützung. „Trotz ständiger Erreichbarkeit sehnen sich junge Menschen nach menschlicher Nähe und persönlichem Austausch“,5 fasst Sina Knöpfle, Gesundheitswissenschafterin, die Ergebnisse zusammen.
Diese ständige digitale Verfügbarkeit beschreibt der Soziologe Hartmut Rosa als Teil einer umfassenden gesellschaftlichen Beschleunigung, als „Erlebnisverdichtung“6. Die Entwicklung führt allerdings weniger zu intensiverem Leben als zu wachsender Armut an Erfahrung und damit einer spürbaren Entfremdung von der Welt. Die Folge ist eine paradoxe Situation: maximale Vernetzung bei gleichzeitig abnehmender Tiefe von Beziehung.
In Resonanz mit der Welt
Als Gegenmodell entwickelt Rosa das Konzept der „Resonanz“, des Widerhalls. Resonanz meint eine Beziehung des Hörens und Antwortens, eine Beziehung zur Welt, die weder plan- noch kontrollierbar ist, „in der man einerseits offen ist, um sich berühren zu lassen […], aber andererseits auch selber seine eigene Stimme entfalten kann und damit etwas oder jemanden erreichen kann in der Welt."7
Wirkliche Erreichbarkeit und die unmittelbare Wahrnehmung realer Herausforderungen wie der Umgang mit Unsicherheiten und das Überwinden von Hindernissen sind auch aus entwicklungspsychologischer Perspektive bedeutend für die Identitätsbildung und für die Gelegenheit Selbstwirksamkeit zu erleben.
Unsere Sinne
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie zentral sensorische, körperliche und kreative Erfahrungen für die Entwicklung junger Menschen sind. Unsere Sinne bilden die Grundlage unserer Weltbeziehung und unserer Resonanz mit der Welt. Erkenntnis entsteht durch Handlung, durch Bewegung, durch die Wechselwirkung von Körper und Mitwelt. Gerade hier zeigt sich die Relevanz analoger Erfahrungsräume, die Innehalten, Beziehung und Sinnstiftung in den Fokus stellen. Unabhängig von den angewandten Methoden unterstützen spielerische, sinnliche und kreative Angebote die Auseinandersetzung und Verbindung mit sich, dem Gegenüber und der Welt.
Eine besonders wirkungsvolle Verbindung von Körper, Wahrnehmung, Spiel und Kreativität findet sich in Ansätzen der Theaterpädagogik. Theaterpädagogische Methoden ermöglichen genau das, was im digitalen Raum oft fehlt: echte Begegnung im Hier und Jetzt. Theaterarbeit schafft geschützte Erlebensräume, in denen Jugendliche sich selbst und die Beziehung zu anderen immer wieder neu erfahren können.
Die Bedeutung des Spiels
Dem Spielen an sich wird dabei besondere Bedeutung zugemessen. Die menschliche Entwicklung ist eng mit dem Spiel verbunden. Neurobiologisch betrachtet verlieren Menschen beim Spiel die Angst, beziehungsweise entsteht sie erst gar nicht. Im Spiel werden neuronale Netzwerke aktiviert, die Kreativität und Ideenreichtum fördern. Wir überwinden die Welt des Notwendigen und Zweckdienlichen und öffnen uns für die Welt des Möglichen. „Sobald weder Angst noch Druck im Spiel sind, erwacht die Lust zu entdecken und zu gestalten. So funktioniert das Hirn.“8 (Gerald Hüther, Neurobiologe)
Im Spiel mit der eigenen Biografie und den bisherigen, individuellen Erfahrungen entstehen spannende, teils völlig neue Blickwinkel auf die persönliche Geschichte. Zugleich laden das Darstellen, Verkörpern und Gestalten von ungewohnten Figuren und Situationen dazu ein, sich sinnlich und handelnd mit Unterschieden und Vielfalt zu beschäftigen. Der damit verbundene Perspektivenwechsel fördert soziale Veränderungsprozesse und die aktive Auseinandersetzung mit Emotionen, Identitäten, Beziehungen und Ausdrucksformen, ohne sich auf ein festgelegtes Selbstbild zu reduzieren. Gerade diese körperlichen Differenzerfahrungen schaffen eine Neugestaltung der Wirklichkeit und die Möglichkeit, persönliche Schwellen zu überschreiten. Auf diese Weise werden neue Erfahrungen als künftige Möglichkeiten aus dem Spielraum in den Alltag übertragen.
Momente der Ungewissheit
Zugleich fordert Theater Präsenz und die Bereitschaft, sich auf Unvorhersehbares einzulassen. Szenen entwickeln sich im Moment, sie sind nicht vollständig kontrollierbar. In der Hingabe an Momente der Ungewissheit kann sich Resonanz entwickeln, zwischen den Spielenden, zwischen dem Individuum und der Gruppe, zwischen Erleben und Ausdruck.
Künstlerisch-kreative Prozesse in der theaterpädagogischen Arbeit bieten außerdem die Möglichkeit, Rollenzuschreibungen, Normen und Werte zu reflektieren und mit Handlungsalternativen zu experimentieren. Die Reflexion des eigenen Erlebens begünstigt dabei die Entwicklung unterschiedlicher Identitäts- und Lebensentwürfe. Kreative Prozesse in der Theaterarbeit sind offen, mehrdeutig und nicht vollständig begreifbar oder steuerbar. Die ästhetische Theaterpraxis stellt so Freiräume zur Verfügung, in denen sich junge Menschen angesprochen, gesehen, gestaltend und wirksam erleben können.
wahre Schönheit?
Den Blick auf die Sinne lenkend, geht es weniger um Schönheit an sich, sondern mehr darum, ob wir über das Bewerten der Welt hinaus Zugang zum sinnlichen Erleben finden: ob wir uns von Schönheit berühren lassen. Wenn wir mit der Schönheit eines ehrlichen Dialogs, einer tiefempfundenen Situation, eines fröhlich überraschenden Spiels in Beziehung treten, und neben dem Wachsen der Jugendlichen auch unsere eigene Veränderung wahrnehmen, sind wir nahe dran an der Idee der Weltbegegnung.
Egal mit welchen Methoden - in dem Moment, in dem unserer Sinne in Beziehung mit der Welt treten, öffnen wir Räume für echte Begegnung und sinnliche Erfahrungen, die berühren, herausfordern und verwandeln.
Literturangaben
1 https://www.derstandard.at/story/2000104334503/im-auge-des-betrachters
2 Susie Orbach: „Bodies. Im Kampf mit dem Körper“, Arche Verlag 2021
3 https://www.saferinternet.at/presse-detail/studie-schoenheitsideale-im-internet-setzen-jugendliche-immer-staerker-unter-druck
4 https://www.vividabkk.de/fileadmin/user_upload/Presse/Studien/PDF/VIVIDABKK_251119_Studie_Zukunft-Gesundheit-2025_Ergebnisse_Web.pdf
5 https://www.deutschesgesundheitsportal.de/2026/03/25/gesundheitsbildung-in-der-schule-mehr-wunsch-als-wirklichkeit/
6 Hartmut Rosa: „Beschleunigung: Die Veränderung der Zeitstrukturen der Moderne“, Suhrkamp 2005
7 https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kulturjournal/hartmut-rosa-resonanz-100.html
8 https://www.hilfswerk.at/fileadmin/storage/vie/user_upload/Brosch%C3%BCre_Spielen_macht_schlauer.pdf
Workshop-Reihe: Dialog statt Kollision
Für Fachkräfte der Jugend-, Bildungs- und Sozialarbeit gibt es die Möglichkeit zum Erleben und Erlernen praxisnaher theater- und spielpädagogischer Methoden, um digitale Ideale und Vergleichsdruck zu reflektieren und analoge Erfahrungen zu fördern: WS Ware Schönheit – Wahre Schönheit, Freitag, 29. Mai 2026, im Haus der Begegnung.
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