Umgang mit Gewaltphänomenen. Eine produktive Verunsicherung

  • Hans Henzinger Hans Henzinger

Beim Thema Gewalt nimmt die öffentliche Meinung sofort Partei, sie schlägt sich auf die „richtige“ Seite, auch wenn es in Wirklichkeit ganz anders war. Auf welche Seite schlagen Sie sich oder wagen Sie eine Verunsicherung?

Beispiele aus dem Alltag für Ihr (Un-) Rechtsgefühl:

  • Ein halbwüchsiger Schüler bedroht den Schulleiter im Zuge eines lautstarken Konflikts mit dem Umbringen (der Schüler fühlte sich schikaniert, der Schulleiter fand die harsche Zurechtweisung jedoch notwendig und gerechtfertigt).
  • Ein Mädchen wird wegen ihres Übergewichtes von den anderen nur Fettsack genannt (aber sie riecht so scharf und nimmt die Reinlichkeit zu wenig ernst).
  • Eine Mutter, die sich immer wieder davor fürchtet, dass der Kindesvater ausrastet, wenn sie ihm die „Sünden“ der Kinder in der Schule beichtet (oder wenn Kinder nicht folgen, muss man ihnen Grenzen setzen!). Die Lehrerin, die einen unruhigen und konzentrationsschwachen Schüler bloßstellt, weil er trotz wiederholter Ermahnung nicht das tut, was er tun sollte  (Kinder mit schwacher Konzentration gehören „behandelt“).
  • Der Lehrer, der seine Stoffwiederholung so gestaltet, dass sie Angst auslöst (Sonst lernt doch niemand etwas!).
  • Wenn unter der Ansage immer wieder steht: „Warum hast du wieder nicht gelernt?“, obwohl dieses rechtschreibschwache Kind mit sehr viel Üben etliche der Merkwörter richtig geschrieben hat (Wo kommen wir hin, wenn wir uns auch noch mit den richtigen Wörtern beschäftigen müssen!).
  • Schüler, die bei der noch jungen und unerfahrenen Lehrerin „die Sau rauslassen“ und deren Machtlosigkeit genießen, aber bei dem strengen Mathe- Lehrer kuschen.
  • Ein Schüler, der als Täter überführt, in Folge von mehreren Lehrpersonen als Person abgewertet wird, bis er die Schule verlässt (Strafe muss sein, der Täter wird zum Opfer).
"Gewalt geht uns alle an" - Ein Bild zum Thema von k+lv Mitglied Rudolf Lamprecht

Die Suche nach Schuldigen


Haben Sie (noch) ein klares Bild, was gut und recht ist, d. h. wer zur Verantwortung zu ziehen ist? Immer wieder begegnen wir, wenn es um Gewalt in Beziehungen geht, den Opfern, den „Unschuldigen“. Nicht selten aber empfinden sich auch Täter*innen zutiefst unschuldig („es war ja nur Spaß“) oder versuchen, eigene Gewalt zu rechtfertigen mit hohen Werten wie Ehre („er hat meine Mutter eine Hure genannt“). Manchmal kommt es auch durch unsere „Intervention“ zur Umkehr der Rollen, der*die Täter*in wird zum Opfer (gemacht) und umgekehrt. Opfer sein hat aber auch Vorteile, man kann sich erlauben, was man sonst nicht darf, und alle finden es gerechtfertigt. Die Fachsprache nennt das „Täter-Opfer-Retter-Karussell“.

Unschuldig möchten wir alle gerne sein, erst recht, wenn wir uns schuldig fühlen. Dann suchen wir nach Ausreden und Rechtfertigungen, die uns entschuldigen sollen. Manchmal hilft die Zeit: Was früher Recht war, ist heute Unrecht, nicht nur bei der Erziehung.


Die verzwickte Sache mit dem Gewissen

Gemeinsame Entrüstung, gerne auch medial inszeniert, tut gut, weil es uns mit uns selbst versöhnt: So schlecht sind wir nicht! Man muss sich fragen, ob dieses gute Gefühl nicht auch dabei hilft, unsere weniger guten Seiten, die wir alle haben, zu verdrängen. 
Das Gewissen ist wandelbar und wesentlich gebunden an das Wertesystem jener Gruppe, in der wir uns gerade befinden. So hat es sein Gesicht in der Familie, bei den Kollegen*innen und bei Freunden*innen. Wir Menschen sind anpassungsfähig, das lehrt uns auch die Geschichte. D. h. es gibt kein absolutes Gewissen, aber wir glauben, immer die gleichen Werte zu haben. Früher hätten wir uns vielleicht geirrt, aber jetzt nicht. 

Neid, Eifersucht, Gier, Macht handeln wir lieber an anderen ab. Das Gewissen hat neben der Gruppe auch mit unserem Selbstbild zu tun. Wir alle haben verschiedene Anteile in uns: einige sind uns bewusst, einige nicht. Das Selbstbild ist eine Vorstellung davon, wer wir sind, was unsere Stärken und unsere Schwächen sind, vielleicht auch unsere peinlichen Seiten. Das Selbstbild ist aber eher eine Werbeversion von uns, nicht die Realität, einige Seiten von uns zeigen wir lieber nicht her. Wir „erzählen“ uns und anderen die erwünschte Version und halten das für Realität. So kann es kommen, dass unser Selbstbild von dem Bild, das andere von uns haben, mehr oder weniger weit abweicht. Und wenn wir uns im Zuge einer Konfliktklärung die Sichtweisen der Konfliktparteien anhören, so sind diese Versionen meist so verschieden, dass man meinen könnte, es gehe um verschiedene Situationen. Jede*r von uns, die*der schon einmal in eine emotional belastende Situation geriet (z. B. einen Autounfall), hat selbst erlebt, wie wir beginnen, eine Geschichte zu erfinden, in der wir besser da stehen. Bemühen wir einen Anwalt, nützt dieser das noch aus. Es tut uns gut, für unsere Version Zuspruch zu bekommen. So können wir uns am Morgen wieder im Spiegel ansehen und unseren emotionalen Haushalt im Gleichgewicht halten. 

Unschuldig möchten wir alle gerne sein, erst recht, wenn wir uns schuldig fühlen.

 

Gewaltfreiheit – eine trügerische Illusion?


Einen braucht der Mensch zum Treten, einen hat er immer, der ihn tritt.
Der Liedermacher Konstantin Wecker spricht davon, dass der Mensch dieses Treten nach unten, links oder rechts „braucht“, weil er ja auch von oben, hinten oder vorne getreten wird. Und je stärker der Druck, umso stärker die Rivalität in einer Gruppe, die sich dann einen Container in Form eines Opfers braucht, um ihre Spannung abzubauen. Diesem Phänomen begegnen wir bei vielen Gewalttaten, vor allem dann, wenn es in Beziehungen ein Machtgefälle gibt (Vorgesetzte*r-Mitarbeiter*in, Lehrer*in-Schüler*in, Mann-Frau, Frau-Mann, körperlich oder sozial starker Schüler*innen und schwacher auf der anderen Seite). Und wenn wir darauf achten, merken wir, wie verführerisch es ist, das Mehr an Macht zu nutzen, um weiter vorne zu stehen in der Hackordnung (Alle sind gleich, manche sind gleicher!)


Wecker fügt eine weitere interessante Zeile hinzu: Zwischendurch verbringt er seine Zeit mit Beten oder läuft irgendwie mit. Das Böse ist nicht immer und überall, es tarnt sich zwischenzeitlich hinter Beten und Unauffälligkeit. Und es entspricht der Erfahrung: Böses kann auch in uns immer wieder durchbrechen, vor allem dann, wenn sich die Situation ändert, wenn wir uns bedroht fühlen. Auch hier werden wir uns der Rechtfertigung bedienen, vor uns und anderen. Aber wir können uns bewusst werden, dass dieses „Böse“ auch in uns allen schlummert und nur den richtigen Kontext braucht, um aus Betern Treter zu machen. 
 

Späte Einsichten zum Schluss

  • Prävention von Gewalt kann nicht an andere ausgelagert werden, genauso nicht wie Erziehung, weil sie bei uns selbst anfängt, d. h. was wir vorleben und wie wir mit unseren Gewaltanteilen umgehen. Andere können uns dabei unterstützen.
  • Umgang mit Konflikten und Gewalt braucht eine gemeinsame ehrliche Haltung auch im Sinne des Bewusstwerdens unserer dunklen Seiten durch  Zulassen der oben dargestellten Verunsicherungen sowie ein gemeinsames wertschätzendes Handeln der Erwachsenen gegenüber „Tätern“.
  • Machen wir uns schuldig, bedarf es des Ausgleichs. Der Ausgleich muss dem „Vergehen“ ebenbürtig sein. Mit einem „es tut mir leid“ ist es nicht getan. Ausgleich entlastet und macht uns wieder frei.
  • Natürlich ist gewalttätiges Verhalten unakzeptabel und wir müssen das auch klar benennen. Gleichzeitig dürfen wir den*die Täter*in nicht an den moralischen Pranger stellen, auch das wäre Gewaltmissbrauch. Er*Sie bedarf unserer Unterstützung, um so die eigenen Gewalt anzunehmen und den Umgang damit zu lernen.
  • Die Fragen nach dem „Wer hat Recht?“ oder „Wer ist schuld?“ bringen das „Täter-Opfer-Retter-Karussell“ in Gang. Die Möglichkeit des Ausstiegs ergibt  sich in der Fokussierung unserer Aufmerksamkeit auf die Zukunft: Was möchte ich (stattdessen) haben, wie soll es aussehen?

Literatur:

  • Karpman Stephen: Dramadreieck Täter-Opfer-Retter; ein Handwörterbuch der Transaktionsanalyse, von Leonhard Schlegel; 2. Auflage 2002

  • Raoul Schindler: Das Verhältnis von Soziometrie und Rangordnungsdynamik, 1969, Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik 3

  • George Orwell: Animal Farm

  • Bert Hellinger: Ordnungen der Liebe, Carl-Auer-Systeme Verlag, 2001

  • No Blame Approach  

Dieser Artikel erscheint unter Creative Commons, BY-NC-SA.
Hans Henzinger
Hans Henzinger Dr.

Hans Henzinger war von 2004 bis 2013 Leiter der Schulpsychologie Tirol. Jetzt bietet er in seiner Praxis psychologische Beratung, Paarberatung, Supervision, Coaching, Psychotherapie und Projektentwicklung, - begleitung an.

Kommentar schreiben

Bitte logge dich ein, um einen Kommentar zu schreiben.

Kommentare

Sei der erste, der diesen Artikel kommentiert.