Mein Vertrauen in meinen Körper und meinen Geist

Silvia Ennemoser nahm im August 2025 am Ötztaler Radmarathon teil - eine Herausforderung, die nicht nur körperliche, sondern vor allem mentale Stärke erfordert. Im Interview mit Elke Pallhuber spricht Silvia darüber, wie sie diese Stärke aufbaut und wie sie ihr nicht nur im Sport, sondern auf im Unterricht hilft.

Die kleine Schule in der Abgeschiedenheit

Elke Pallhuber: Als aller Erstes, bitte stell dich mit deinen eigenen Worten kurz vor und erzähle uns, wer du bist, wo du arbeitest und was du gerne machst, wenn du nicht in der Schule bist.

Sivia Ennemoser: Mein Name ist Silvia Ennemoser, ich bin in Längenfeld, für mich der schönste Ort im Ötztal, aufgewachsen. Von 1996 bis 1999 besuchte ich die Pädagogische Akademie in Stams. In meinen ersten fünf Dienstjahren unterrichtete ich neben Turnen, Musik, Förderunterricht, BFU (Besonderer Förderunterricht für Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache) und Integrationskindern auch Religion an der VS Längenfeld, VS Huben, VS Dorf, VS Gries und an der VS Gurgl. Unmittelbar nach meinem Dienstantritt im September 1999 wurde ich k+lv Mitglied. 2005–2007 unterrichtete ich zum ersten Mal als Klassenlehrerin eine erste und zweite Klasse an der VS Längenfeld. Die Religionsstunden musste ich leider als Klassenlehrerin an die Religionslehrerin abgeben.  Aufgrund eines Lehrerüberschusses an der VS Längenfeld wechselte ich als jüngste Lehrerin im Team im September 2007 schweren Herzens an die VS Gurgl als Klassenlehrerin (1.+2. Stufe). Zum damaligen Zeitpunkt war nur an der VS Gurgl eine Klassenlehrerstelle im mittleren und hinteren Ötztal für mich frei. Das Gute war, ich konnte in meiner Klasse Religion wieder selber unterrichten. Diese Zwangsbeglückung (Wechsel von der VS Längenfeld an die VS Gurgl) brachte mit sich, dass ich mich in die kleine Schule in der Abgeschiedenheit, im Gebirge, im höchstgelegenen Kirchdorf Österreichs, sofort verliebte. 2009 übernahm ich die Schulleitung an der VS Gurgl und seitdem bin ich während der Schulzeit im Herzen Gurglerin und während der Wochenenden und Ferien Längenfelderin. Neben der verantwortungsvollen und erfüllenden Aufgabe als Schulleiterin, Klassenlehrerin und Religionslehrerin an der VS Gurgl suche ich nachmittags für ein paar Stunden den nötigen Ausgleich und die Kraftquelle in der Natur bei Bewegungseinheiten. Dabei zählen zu meinen Urquellen an Bewegung das Wandern, Bergsteigen, Schifahren, Schitouren, Klettern, Trailrunning und das Mountainbiken. Von 2011 bis 2013 absolvierte ich die Ausbildung zur staatlich geprüften Berg- und Schiführerin und legte dazu im Juli 2013 die praktische und theoretische Prüfung erfolgreich ab.

Zufall oder nicht, das ist hier die Frage

Elke Pallhuber: Wie hast du den Mut und die mentale Stärke gefunden, dich für den Ötztaler Radmarathon anzumelden, obwohl du vorher kaum Raderfahrung hattest? Was hat dich dazu bewegt, diesen Schritt zu wagen und wie hat dich das Üben auf diesem Weg unterstützt? 

Silvia Ennemoser: 2017 wollte ich mir für den Sommer eine neue Bewegungs-Challenge setzen und ich habe mich in den Sommerferien für einen Paragleitgrundkurs angemeldet. Als der Sommer näher rückte, flüsterten mir ein Gefühl und mein Kopf, dass der Traum vom Fliegen vermutlich nicht wirklich meine Erfüllung ist. So meldete ich mich vom Paragleitkurs wieder ab und ließ einige Jahre verstreichen, immer mit der Überlegung und mit den Gedanken im Herzen an eine neue Sportart für meine Freizeit.

Einige Jahre sollten vergehen, bis ich eine völlig neue Leidenschaft in meinem Bewegungsrepertoire zufällig entdeckten sollte. Dabei sei erwähnt, dass ich gar nicht an Zufälle glaube.

Ende August 2021 beim Ötztaler Radmarathon war ich als Zuseherin in Sölden beim Start von ungefähr 4.000 Radfahrer*innen um 6:30 Uhr dabei. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich den Ötztaler Radmarathon nur als Zuseherin am Straßenrand von Längenfeld und als Megaevent in Sölden am letzten Sonntag im August, an dem ich immer die genauen Uhrzeiten der Straßensperren vom gesamten Tal im Kopf hatte. Bereits 2014 stand ich mit meinem Papa als Zuseherin im Ziel. Ein Radfahrer aus Huben/ Längenfeld belegte damals den 2. Platz und ich zog vor dieser exzellenten Leistung den Hut. Bis dahin war es für mich unvorstellbar, die Distanz vom Ötztaler Radmarathon, 5.500 Höhenmeter und 227 km, mit eigenen Kräften auf dem Rad zu bewältigen. Es war in Gedanken und in meinen Gefühlen einfach nur ein Traum, dessen Realisierung für mich in weiter Ferne lag.

Ein Mitarbeiter aus Längenfeld, der für die Absperrungen beim ÖRM Ende August 2021 zwischen Radfahrer*innen und Zuseher*innen zuständig war, meinte um 6 Uhr im Startgelände: „Ja, Silvia, was machst denn du da als Zuschauerin? Du hast das Zeug zum Mitfahren, 4000 Trainingskilometer brauchst du, dann schaffst du den ÖRM nächstes Jahr“.

Die Worte vom Mitarbeiter Robert, der dem Rad Club URC Ötztal angehört, inspirierten mich ungemein und gingen mir für die nächsten Wochen nicht mehr aus dem Kopf.

Fünf Wochen später, Anfang Oktober 2021, kaufte ich mir im Radgeschäft in Längenfeld ein Rennrad. Im Herbst 2021 schaffte ich noch 250 Trainingskilometer. Damit meldete ich mich im Jänner 2022 mit einer Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit, mit einer gewissen Portion an Naivität und mit großer Unwissenheit zum Ötztaler Radmarathon für den 28.08.2022 an. 
 

Voll und ganz auf mich konzentrieren

Elke Pallhuber: Wir haben uns ja gut eine Woche nach dem Radmarathon beim k+lv Festl getroffen und wir haben kurz über deine Teilnahme gesprochen. Als ich dich gefragt habe: „Wie kann man das überhaupt schaffen?“, hast du mir geantwortet: „Das passiert im Kopf!“ Was geht in deinem Kopf vor? Wie trainierst du deinen Köper und deine Gedanken, damit du dich in so einer herausfordernden Situation darauf verlassen kannst?

Silvia Ennemoser: Ab Mai 2022 sammelte ich Trainingskilometer, nach Lust und Laune. Ich trainierte „vogelwild“, ohne Plan. Ich bemerkte sofort, bereits im Herbst 2021, den Flow auf dem Rennrad. Der Flow in mir wurde stets mit der Geschwindigkeit ausgelöst. Normalerweise sollten zuerst im Flachen etliche Trainingskilometer gesammelt werden. Da es aber im Ötztal von meinem Heimatort stets bergauf oder bergab geht, hielt ich mich schon mal an die erste Grundregel des erfolgreichen Rennradfahrens, viele Trainingskilometer im Flachen zu sammeln, nicht. Außerdem wollte ich abwärts den Geschwindigkeitsrausch inhalieren und aufsaugen. Ich war abwärts stets in diesem Geschwindigkeitsrausch. Somit musste ich aber zuerst bergauf fahren, um dieses Gefühl aufsaugen zu dürfen.

Sehr schnell wurde mir bewusst, dass ich als Neuling in diesem Sport, mit so wenigen Radkilometern in den Beinen, beim Ötztaler Radmarathon mir im Kopf eine Strategie überlegen sollte, wie ich eine so unvorstellbare Dimension erfolgreich absolvieren wollte. Doch ich war in allen meinen Sportarten immer mit Begeisterung dabei, weil ich Freude, Ehrfurcht und Demut zeige, mich in Gottes Schöpfung, in der Natur zu bewegen.

Ein weiterer Vorteil war, dass ich aufgrund meiner zahlreichen langen Berg- und Schitouren und meiner Longdistanz-Trailrunningwettbewerbe (65 km) beim Gletschertrail 2019 und 2021 in Gurgl die Fähigkeit hatte, mich ausdauernd und fokussiert über viele Stunden zu quälen, mit mir selber beinhart und konsequent zu sein.

Ich besitze die Eigenschaft, mich voll und ganz auf mich zu konzentrieren und blende alle „Störfaktoren“ um mich herum aus. Was und wie viel die anderen Radler*innen oder Trailrunner*innen um mich trainieren bzw. welche Leistung sie erbringen, interessiert mich nicht.
 

Die Entdeckung der eigenen Talente

Elke Pallhuber: Bei Rat auf Draht habe ich einen Post mit dem Titel „Veränderung braucht Zeit. Einen Marathon läuft man ja auch nicht, ohne dafür trainiert zu haben.“ gesehen. Manche Dinge muss man einfach immer wieder trainieren bzw. üben, damit sie gelingen. Wahrscheinlich hast auch du Tage, an denen du dich überwinden musst oder die Begeisterung nicht so groß ist, aufs Rad zu steigen. Etwas trainieren und üben, löst im Schulalltag nicht immer große Begeisterung aus. Wie überträgst du die mentalen Strategien, die du im Sport gelernt hast, auf deinen Unterricht? Wie hilfst du Kindern, dranzubleiben, wenn etwas nicht sofort klappt – ähnlich wie beim Training für den Radmarathon?

Silvia Ennemoser: Da ich Leidenschaft und Vorliebe empfinde und fühle, brauche ich mich nicht zum Radfahren oder für einen anderen Sport zu überwinden oder zu motivieren. Wenn ich keine Lust zum Radfahren habe, dann gewiss für eine andere Sportart wie fürs Laufen, Klettern oder Mountainbiken. Ich liebe die Abwechslung und Vielseitigkeit. Und so gelingt es mir, auch meine Kinder in der Schule mit viel Abwechslung (Lernmaterialien, Lernorte, Lernformen) fürs Lernen stets zu begeistern. Ich versuche bei jedem Kind, die Stärken zu finden und an diesen zu arbeiten. Dadurch entwickeln die Kinder Selbstvertrauen und Widerstandsfähigkeit. In weiterer Folge arbeiten die Kinder motiviert und begeistert, konsequent und unbewusst auch an ihren Schwächen, indem sie einfach ihre starken Seiten immer wieder erleben dürfen. Erfolg hat drei Buchstaben: TUN (Johann Wolfgang v. Goethe)

In jedem Kind entdecke ich Talente. Jedes Kind hat verschiedene Begabungen. Wenn sich Kinder mit ihren Talenten, Begabungen und Vorlieben beschäftigen, stärken sie unbewusst ihre Schwächen und nehmen Schwächen gar nicht als solche wahr. Es sind meistens nur die Erwachsenen, die Kinder auf ihre Schwächen aufmerksam machen. 
Zudem brauchen und lieben Kinder einen abwechslungsreichen Unterricht die Fächer und Materialien betreffend. Da bietet die VS Gurgl allen Kindern, den Kleinen und den Großen, allen vier Jahrgängen, in einem Klassenraum Vielseitigkeit und Abwechslung. Langeweile kennen die Gurgler Schulkinder nicht. Kinder lieben es, anderen Kindern beim Lernen zu helfen und wenn ihre Schulkamerad*innen ihnen beim Lernen Tipps geben und sie unterstützen. Die Lehrperson an einer Kleinschule ist oft mehr als Beobachter*in im Hintergrund und als Coach tätig. 
Kinder brauchen immer wieder Lob für ihr Tun. Nur dann entwickeln sie Selbstvertrauen und erkennen ihre Lernfortschritte. 

Wenn sich Kinder wohl fühlen

Elke Pallhuber: Was sind für dich die wichtigsten Grundsätze im pädagogischen Alltag, um Kinder zum Lernen zu motivieren – besonders in einer so vielfältigen Gruppe wie an deiner Schule? Wie schaffst du es, dass alle Kinder, unabhängig von ihrem Hintergrund, gemeinsam an einem Strang ziehen und Freude am Lernen entwickeln? 

Silvia Ennemoser: Am 28.09.2025 feierte ich mit meinen Kindern das Erntedankfest in Gurgl. Da dieses Schuljahr 2025/26 nur elf Kinder in vier Schulstufen an der VS Gurgl unterrichtet werden, davon nur sechs Kinder römisch-katholisch sind, habe ich die fünf Kinder mit einem anderen Bekenntnis gebeten, uns beim Lesen und beim Singen tatkräftig zu unterstützen. Alle elf Kinder waren unheimlich stolz, als sie die gesamte Erntedankmesse gemeinsam, unabhängig ihres kulturellen und religiösen Hintergrundes, gesungen und gelesen haben. Die Erwachsenen waren erstaunt, wie großartig und kräftig elf Kinder Lieder singen und Texte lesen können. 
Das Wichtigste ist, eine Beziehung zu Kindern aufzubauen, sie spüren zu lassen, sie mit ganzem Herzen zu unterrichten, ohne Bedingungen. Das ist meiner Erfahrung nach der Schlüssel zum Erfolg. Wenn sich Kinder wohl fühlen, sind sie offen und bereit zum Lernen. Außerdem brauchen Kinder wie Erwachsene Ziele und Visionen. Dann ist das Unterrichten eine Leichtigkeit. Unterricht soll sich leicht und geschmeidig wie eine Feder anfühlen.
 

Der Weg ist das Ziel

Elke Pallhuber: Welche Ziele setzt du dir, wenn du beim Radmarathon am Start stehst? Was ist für dich in diesem Moment wichtig?
Wie unterstützt du deine Schüler*innen dabei, ihre eigenen Ziele zu erreichen?

Silvia Ennemoser: Mein Ziel war es, 2022 den Ötztaler Radmarathon zu schaffen. Ich hatte mir kein Zeitziel für die 5.500 Höhenmeter und 227 km wie viele andere Teilnehmer*innen vorgenommen. Priorität war, gesund und glücklich das Ziel in Sölden zu erreichen und das war schon eine wahre Challenge. Ich hatte das Vertrauen in meinen Körper und in meinen Kopf, das Ziel zu erreichen. Mein Kopf ist stark und mein Körper widerstandsfähig. Den Traum, das Ziel in Sölden Sölden gesund zu erreichen, habe ich mir inzwischen neben 2022 auch 2023, 2024 und 2025 verwirklicht. Es war jeder Ötztaler Radmarathon ein besonderes und einzigartiges Erlebnis. Die Begegnungen mit anderen Teilnehmer*innen, die wunderbare Landschaft und meine Freunde und Familie, die auf der gesamten Strecke und im Ziel auf mich warten und mich begeistert anfeuerten, sind für den Kopf besonders erfolgreiche Faktoren, Motoren und Indikatoren für ein gutes Gelingen.
Das ist auch in der Schule von größter Bedeutung. Um Ziele zu erreichen, müssen sich Kinder wohl fühlen, eine Beziehung zur Lehrperson aufbauen und Selbstvertrauen aufbauen und stärken. Zudem dürfen Kinder mit Zeit nicht unter Druck gesetzt werden. Jedes Kind braucht, um Lerninhalte zu erarbeiten und zu verstehen, unterschiedlich lange. Zeit, individuell an jedes Kind anagepasst, ist auch ein Schlüsselfaktor in der Schule. 
Wir bewegen uns in der Schule jedem Lernziel in kleinen, unsichtbaren und unscheinbaren Schritten entgegen. Dabei müssen sich Kinder Ziele in den Kopf setzen und sie werden durch Begeisterung, Motivation, Selbstvertrauen und Resilienz ihre Ziele erreichen.

Nach jedem Ötztaler Radmarathon bin ich im Ziel als ein „anderer“ Mensch (im Herzen) angekommen. Schwierig zu beschreiben, vielleicht kann man es als geläutert und gereinigt bezeichnen. Der Weg ist das Ziel. Begegnungen und Eindrücke auf der 227 km langen Strecke prägen den Geist und die Seele. 
Kinder werden hoffentlich nach jeder Unterrichtsstunde, nach jedem Schuljahr positiv verändert das Schulhaus verlassen, mit mehr Erfahrungen, mit mehr Freude, mit mehr Wissen, mit mehr Freunden, mit mehr Begegnungen, mit kognitiver und emotionaler Reife. Die Begegnungen und Eindrücke auf der Reise durch ein Schuljahr spielen dabei eine zentrale Rolle. 

Silvia Ennemoser

Silvia Ennemoser ist Schulleiterin, Klassenlehrerin und Religionslehrerin an der Volksschule Gurgl. 

Beim Radfahren und bei anderen Sportarten baut Silvia Ennemoser beim Bewegen in der Natur eine Beziehung zur Natur auf. Deswegen fällt ihr das Trainieren auf dem Rad leicht. Sie liebt sich in der Natur zu bewegen.

Elke Pallhuber
Elke Pallhuber

Elke Pallhuber ist pädagogische Mitarbeiterin im k+lv und im Redaktionsteam von AUFLEBEN.online.

Kommentar schreiben

Bitte logge dich ein, um einen Kommentar zu schreiben.

Kommentare

Sei der erste, der diesen Artikel kommentiert.

Das könnte dich auch interessieren