Früh übt sich (Hausaufgaben zur Schulzeit)
Es hat schon einige Jahre gedauert, bis ich zum bekennenden Übungs-Junkie wurde.
Als Zweitgeborener war mir die Englisch-Nachtragsprüfung meines Bruders eine ernste Warnung. Zeitraubendes Lernen und familiären Stress in den letzten Wochen der Ferien. Das galt es zu verhindern: Im Unterricht ein wenig mehr die Ohren zu spitzen, könnte es leichter machen, die Hausübung beschleunigt zu erledigen. In den Stunden kommt man auf Anhieb besser mit, und kann schließlich auch „safe“ in die großen Ferien surfen…
Später als Schüler im Schigymnasium Stams wurde es schwieriger, weil ich ab dem dritten Jahr – mit fünfzehn fand ich mich plötzlich im Skispringer-Nationalteam – relativ selten an der Schule war. Es macht keinen Spaß, wenn die nachzuholende Last immer größer und unübersichtlich wird. Gerettet haben mich die speziellen Frühjahrs-Förderkurse, unterstützende SchulkollegInnen und deren Mitschriften, dazu das Stams-typische Uni-ähnliche Schulsystem, mit dem einzelne Gegenstände zurückgelassen werden konnten, um im nächsten Jahr absolviert zu werden. Nach etwas Nachreifungszeit kam ich mit gut zwanzig schließlich zur Matura…
Schlägt Ausdauer auch im Sport Talent?
Mit dem Nimbus des sportlichen Überfliegers gesegnet und gestraft, pflegte ich diesen Mythos als Heranwachsender mit Inbrunst. „Whom the gods would destroy, they first oversell,“ las ich später in „The game“, einem großartigen Buch des kanadischen Eishockey-Profis und späteren Sozialminister Ken Dryden.
Die talentfokussierte Sportart Skispringen hat sich mit vertiefter biomechanischer Durchdringung der leistungsbestimmenden Faktoren gewandelt. Sündteure Druckmessplatten liefern diagnostische Absprungdaten als Grundlage für die individuelle Gestaltung der Trainingsprogramme.
Dann heißt es: Üben, engmaschig diagnostizieren, Programm anpassen und konzentriert weiterüben. Automatisierung der Absprungabläufe auf der Platte und dann umsetzen auf die Schanze. Kluge Beharrlichkeit hat im Verhältnis zum Talent immer mehr aufgeholt, oder gehören Trainierbarkeit, Warten-Können, Üben-Wollen zum neuen Talentprofil im Spitzensport?
Trauma, mutige Vorsätze und neue Gewohnheiten
1973 starb mein bester Freund Arthur mit sechzehn beim ÖSV-Abfahrtstraining auf der Hochwurzen im Ennstal. Arthur hatte mich mehrfach gewarnt, dass ich mit meiner ostentativen Übungsverweigerung mein Talent fahrlässig aufs Spiel setze. Die Erinnerung an ihn wurde, nach mühsamer „selbstgestrickter“ Bewältigung der Traumabelastung durch seinen Tod, zu meiner neuen Einstellung. Ich legte die uneingestandene Furcht davor, dass sich meine Begabung am Ende doch nicht als groß genug erweisen könnte, auf die Seite. Ich wollte es wissen, was rauskommt, wenn ich alles Menschenmögliche investiere, zum fleißigen „Streber“ werde. Weg mit der selbstgefälligen Absicherung, dass ich eh supergut bin, gemessen an dem geringen Übungsaufwand. Arthur blieb jahrelang mein fordernder „Schutzengel“.
Alchemie der mentalen Verstoffwechslung, Magie des Übens
Üben im Sport bedeutet, die gestellten Bewegungsaufgaben, z. B. beim Tennis, Golf oder auch Turnen immer wieder motorisch „durchzukauen“, den persönlichen Geschmack für die Nuancen. So wird eine Handlung „einverleibt“, zu etwas Eigenem. Es heißt auch immer wieder Scheitern, oft auf so hohem Niveau, dass es dem unbedarften Zuseher nicht auffällt.
Beim Üben – in einer fehlertoleranten Kultur – entsteht, im ständigen Abgleich von Gelingen und Vorbeischrammen am ersehnten Optimum, „G’spür“.
„Touch“ ist eine andere Bezeichnung für die schwer zu beschreibenden, aber entscheidenden Finessen einer situativ optimierten Bewegungsausführung. „Verliebtsein ins Gelingen“ nennt Ernst Bloch in „Prinzip Hoffnung“ jenen beherzten Zugang, der sich nicht vom allfällig möglichen Scheitern abschrecken lässt.
Die wundersame Verwandlung von Unsicherheit in Lust,
Konrad LORENZ, vergleichender Verhaltensforscher und Nobelpreisträger hat mit dem Begriff Funktionslust eine wunderbare Erklärung für im Spitzensport erlebte Phänomene, aber auch ein wichtiges Trainer-Werkzeug geliefert.
Tätigkeiten, die wenige beherrschen, weil sie schwer zu erlernen sind, viel Übung und Frustrationstoleranz verlangen, bereiten bei der endlich beherrschten Durchführung besonders viel Freude und Genuss. Das gilt für eine anspruchsvolle Passage einer Klaviersonate, das Reparieren eines komplexen technischen Gerätes oder die Exekution eines raffinierten „Kickaufschlags“ beim Tennis. Nach einem mühsamen Aneignungsprozess haben sich anfängliche Ängste und Hemmungen mit gewachsenem Können und Erfolgserlebnissen in Lust verwandelt. Man kann kaum genug davon kriegen.
Vor der Meisterprüfung oft und spektakulär vom Himmel gefallen
Als Skispringer habe ich jahrelang und mit vielen und teils schmerzhaften Rückschlägen an der Beherrschung und Perfektion der anspruchsvollen Telemarklandung gearbeitet. Als negatives Highlight steht ein 112. und letzter Platz (mit zwei Stürzen) bei den Holmenkollen-Skispielen in Oslo vor 83.000 Zuschauern zu Buche. Ein Jahr und hunderte Übungssprünge später hatte sich die Angst zu versagen in eine unbändige Lust zu zeigen, „was ich neuerdings draufhabe“ und sogar in einen Sieg verwandelt.
Üben kann alles sein: anstrengend, berauschendes Entdeckungserlebnis oder erfüllende Meditation
„Es hat niemand behauptet, dass Üben immer Spaß machen muss, manche glauben aber, dass es trotzdem etwas bringt.“ Wir Trainer wissen aus Erfahrung, dass es etwas bringt, aber nie genau wann. Übungseffekte und Lernen sind immer individuell, nie völlig kausal, linear und berechenbar, sondern passieren in einer faszinierenden Art von komplexer Selbstregulation. Methodik, Wissen, Beharrlichkeit spielen wichtige Rollen, genauso wie Emotionen, Neugier und Fantasie. Natalie KNAPP in „Kompass neues Denken“ meint, unsere Leistung und Aufgabe als Coaches, Lehrer, Eltern oder Chefs sei es, das Warten auf das Eintreten der erhofften Übungseffekte erträglicher zu machen.
Übungseffekte und Lernen sind immer individuell, nie völlig kausal, linear und berechenbar, sondern passieren in einer faszinierenden Art von komplexer Selbstregulation.
Die Vorstellungen über die Lernplateaus oder auch das oft zitierte 10.000-Übungs-Stunden-Prinzip sind meines Erachtens Hilfskonstruktionen für schwer zu beschreibende Prozesse. Man weiß nie genau, wo der entscheidende Kick herkommt, manchmal finden Übende etwas Wertvolles, nach dem sie gar nicht gesucht haben. Ein anderes Mal gelingt eine Aufgabe, die man für viel zu schwierig gehalten hat und erntet als Belohnung ein Neuronen-Feuerwerk an positiven Emotionen.
Als spätberufener Gitarrist ist Üben mehr als verbissene Lernanstrengungen. Das unstrukturierte Automatisieren mit einer „Silent-Gitarre“ bei Sportübertragungen und weggeschaltetem Ton ist eine Art von Meditation und Psychoregulation.
Vielen Golfspielern ist das Üben auf der Driving Range, wo ein Ball nach dem anderen vom selben Platz geschlagen wird, zu langweilig. Ich liebe es, dort motorisch zu meditieren und fühle mich dabei in der Nähe von „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ von Eugen HERRIGEL.
Üben im Spannungsfeld von Drill, Methodik, Spiel und Fantasie
Markus Hengstschläger liefert eine interessante Einteilung in gerichtete und ungerichtete Lösungsverfahren. Beim Bewegungslernen und Üben empfiehlt sich eine saubere methodisch gerichtete Systematik, mit fein gesteigertem Schwierigkeitsgrad und langsam wachsender Komplexität. Manchmal aber entdecken Sportler*innen, innerhalb dieser gerichteten, systematisch geplanten Maßnahmen und Übungskorridore neue und vielleicht sogar bessere Lösungswege. Durch Herumspielen, durch wildes, ungerichtes „trial and error“ und auch Zufall wurde z. B. der skispringerische V-Stil durch den Schweden Jan Boklöv entdeckt. Es gab keine Anleitung, nicht einmal ein Bild dafür. Übrigens eine der äußerst seltenen Sport-Innovationen, die nicht nur die erhoffte Leistungssteigerung, sondern zusätzlich mehr Sicherheit in einen Sport gebracht hat.
Üben und Nachahmen bis zur „sportkulturellen Aneignung“
Als Golfer geht es mir wie seinerzeit dem jungen Skispringer. Fasziniert von den Bewegungsabläufen der Könner versuchen Adepten, ihre Vorbilder nachzuahmen, in ihre Identität zu schlüpfen. Welcher Tennisspieler hat in den Achzigern nicht Björn Borg imitiert oder die tollkühne Aufschlagversion von John McEnroe ausprobiert, wer von den jüngeren Sandplatzwühlern hat nicht einmal Thomas Muster, Roger Federer oder Dominik Thiem „gespielt“?
Die Bewunderer identifizieren sich „mit Haut und Haaren“, kopieren Bewegungsstil, spezielle Technik, winzige Gesten oder Kleidung der Idole. Über alle nationalen und ethnischen Grenzen hinweg wurde und wird im Sport seit jeher und nach Herzenslust „kulturell angeeignet“.
Der Wettkampf als Vater aller Dinge und Sinn des Übens?
Im Leistungssport zählt nicht, was im Training in der geschützten Werkstatt gelingt.
„Besser sein wenn’s zählt“ ist die gnadenlose Anforderung. Nicht alles kann mit Üben abgesichert werden. Aber es hilft, um die Erfolgswahrscheinlichkeit im Ernstfall zu steigern. „Überlernen“ nennt sich der Prozess, Abläufe oft und oft zu festigen und zu automatisieren. Unter Druck und vielschichtigem Stress bleiben nur die Dinge stabil, die überlernt, automatisiert wurden, die man im Schlaf kann.
Weil Top-Tennisspieler*innen alle Schläge im FF beherrschen, entscheidet die mentale Dimension. Auch auf dieser Ebene geht es nicht nur ums rationale Verstehen, sondern auch um individuell passende Gewohnheitsveränderungen durch Üben und wieder Üben…
Selten genug, aber sogar bei Wettkämpfen entsteht auf Basis der automatisierten Abläufe FLOW, jener wundersame Zustand, in dem alles ganz leicht wird. Mittendrin im turbulenten Geschehen beruhigt sich alles wie in Zeitlupe. Die Sportlerin, der Sportler sieht alles überdeutlich und findet wie von Zauberhand souverän passenden Zugriff zu allem jemals Gelernten und sogar den Mut zu „genialen“ Kombinationen und Lösungen.
Spät freut sich…
Wer Zeit seines Lebens gewisse Fertigkeiten mit Begeisterung und Übung auf hohes Niveau entwickelt und pflegt, hat Hoffnung auf eine wertvolle Spätlese. Selbst wenn Kraft, Gelenkigkeit, Gleichgewicht und Ausdauer nachlassen. Diese speziellen synaptischen Verbindungen können bis ins hohe Alter erstaunlich virtuos und „zur großen eigenen Erbauung“ funktionieren. Das achtzigjährige Orchestermitglied ist nur ein inspirierendes Beispiele dafür.
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