Vorsichtige Hoffnung
Am Blue Monday 2026 – dem angeblich traurigsten Tag des Jahres – gab es Anlass zu vorsichtiger Hoffnung. Denn die am dritten Montag des Jahres präsentierten Daten der aktuellen „mental health days“-Studie zeigen erstmals seit Beginn der Erhebungen Zeichen einer Trendwende. Die Lebenszufriedenheit der über 8000 befragten Lehrlinge und Schüler*innen nimmt erstmals seit der Covid-Pandemie wieder zu und depressive Symptomatiken nehmen ab.
Dazu erkennen wir, dass der tägliche Handykonsum bei den Befragten täglich von 221 auf 190 Minuten um mehr als eine halbe Stunde und insbesondere der Gebrauch von Social Media um 16 Minuten von 96 auf 80 Minuten täglich zurückgegangen ist. Hoffentlich verschreien wir nichts und es handelt sich tatsächlich um eine Trendwende. Bewusstseinsbildung und Prävention scheinen zu wirken.
Und genau in diesem Feld der „mental health literacy“ setzen die miteinander verbundenen Projekte „mental health days“ und das daraus in weiterer Folge entstandene Buch „Jugend unter Druck“ an.
Es geht um Wissensvermittlung – konkret in drei Richtungen:
- Erstens soll das Thema „mentale Gesundheit“ im Alltag sichtbarer sein. Nicht zuletzt, um zu zeigen, dass die Beschäftigung mit „mental health“ nicht notwendigerweise etwas mit Krankheiten zu tun haben muss.
- Zweitens möchten wir dazu anregen, über Gefühle mehr zu sprechen. Die Kommunikation über Emotionen sollte weder dem Boulevard noch den sozialen Netzwerken vorbehalten sein.
- Und drittens möchten wir mit unseren Projekten dabei helfen, die vielen Hilfseinrichtungen bekannter zu machen, die sich österreichweit in allen Bundesländern um Unterstützung bei psychischen Krisen und Krankheiten, aber auch um die Begleitung bei Sinn- und Orientierungssuche bemühen.
Zusammen mit dem wissenschaftlichen Beirat von VsUM, dem Verein zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien, behandeln wir acht Themenfelder, die im Leben der Kinder und jungen Erwachsenen besonders relevant sind:
- Mobbing;
- Körperbild und Essstörungen;
- Handy-, Internet- und Spielsucht;
- Leistungsdruck und Prüfungsangst;
- Sucht (mit einem Schwerpunkt auf Alkohol);
- Depression;
- Suizidalität und Ängste.
Die beiden Autoren*innen von „Jugend unter Druck“ möchten mit ihren Beiträgen zu den oben genannten Themen keine Psychologen*innen oder Psychotherapeuten*innen ausbilden. Niemand sollte nach der Lektüre selbst therapieren oder diagnostizieren. Dafür braucht es langjährige Ausbildungen.
Aber vielleicht können die Leserinnen und Leser des Buches ein wenig besser einschätzen, ob es sich bei einem mentalen Thema um eine Krankheit oder eben um eine emotionale Herausforderung des Lebens handelt.
Schlaglichter auf Themen der Zeit
In jeweils zwei Artikeln – einem aus Sicht der Fachexpertin Caroline Culen, der langjährigen Leiterin der Österreichischen Liga für Kinder und Jugendgesundheit; und einem aus Sicht des Erfahrungsexperten Golli Marboe, Journalist, Dozent und verwaister Vater – werden Schlaglichter auf die oben genannten Themen geworfen.
So bemühen sich die Autoren*innen, den Unterschied zwischen einem Streit und dem nachhaltig verletzenden Phänomen Mobbing zu beschreiben.
Oder es geht um die Empfehlung, doch als beste Maßnahme gegen Essstörungen möglichst ein gemeinsames Familienessen pro Tag im Kalender fest zu verankern.
Auch im Umgang mit dem Handy geht es um die Etablierung von Regeln und Ritualen. Der dabei wahrscheinlich wichtigste Aspekt: Der Umgang mit dem Handy ist wahrlich kein Problem, das nur Junge betrifft, es ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.
Prüfungsangst und Leistungsdruck kommen meist durch die Eltern in den Alltag von Kindern. Erziehungsberechtigte möchten nicht nur – in guter Absicht – den Kindern mit guten Noten und Abschlüssen den Weg in ein möglichst unbeschwertes Leben ermöglichen; leider kompensieren sie allzu oft auch eigene Erfahrungen und Sehnsüchte nach nicht erreichten persönlichen Zielen. Dabei wird viel zu oft außer Acht gelassen, dass die Kinder eigene Persönlichkeiten mit eigenen Talenten, Wesenszügen und Lebenserwartungen sind. Eltern sollten die Kinder nicht in Systeme pressen, sondern vielmehr versuchen, den Kindern das Wissen und die Kraft für Entscheidungen, Selbstermächtigung und die sogenannten 21st century skills zu vermitteln: Kreativität, Kommunikations- und Teamfähigkeit.
Gerade die Berufswelt von heute sucht nach Persönlichkeiten, die suchen, forschen und die richtigen Fragen stellen können; und immer weniger nach jenen, die besonders begabt darin sind, Antworten zu reproduzieren, die andere formuliert haben. Auswendiglernen ist spätestens mit Wikipedia für niemanden mehr sinnvoll.
Im Kapitel rund um Sucht wird weniger über illegale Drogen gesprochen, sondern vor allem über die Volksdroge Nummer eins: den Alkohol. Erfreulicherweise trinken Jugendliche und junge Erwachsene von heute wesentlich weniger Alkohol als die Älteren. Aber die Auswirkungen von alkoholkranken Verwandten betreffen nahezu alle österreichischen Familien. Laut Statistik Austria leben 1,8 Millionen Menschen hier im Land mit einem suchtartigen Alkohol-Trinkverhalten. Wenn wir nur zehn Prozent jener Aufgeregtheit, die es um die Etablierung von Regeln rund ums Handy gibt, aufwenden würden, um die Volkskrankheit Alkohol zu bekämpfen, dann wäre wirklich etwas gelungen. Denn Alkohol ist nicht nur eine Droge, die jeden, der Alkohol trinkt, depressiv werden lässt (das nennt man „Kater“), sondern Alkohol ist vor allem einmal ein Gift – deshalb müssen wir auch erbrechen, wenn wir zu viel getrunken haben.
Die gerade erwähnte Depression nennt man auch „Losigkeitskrankheit“. Im Gegensatz zur Traurigkeit, die einen Anlass hat, ist man als depressiver Mensch meist antriebslos, lustlos, freudlos und das alles irgendwann eben grundlos.
Das Buch beschreibt den Unterschied zwischen dem Gefühl der Traurigkeit, das wir alle kennen, und der Krankheit Depression, die leider auch sehr viele kennen, weil Depressionen, depressive Symptomatiken, „Burn Out“ etc. inzwischen die meistverbreitetste Krankheit in Österreich darstellen. Ob jung oder älter – irgendwann im Leben wird man wohl von einer depressiven Episode erfasst werden. Jeden Tag, den man sich dann früher Hilfe bei Psychologen*innen oder Psychotherapeuten*innen holt, wird die Dauer der Krankheit verringern.
Ängsten begegnen
Aber warum überhaupt zur Therapie – man kann doch auch mit guten Freunden*innen über psychische Themen sprechen? Ja – völlig richtig und das soziale Umfeld stellt auch eine große und wichtige Hilfe für eine dauerhafte Lösung eines psychischen Problems dar, aber gerade Jugendliche möchten eben nicht alle Themen, die sie beschäftigen, unbedingt gleich mit dem persönlichen Umfeld teilen. Wenn ein Kind vom Land nicht genau weiß, ob es Männer oder Frauen liebt, dann ist das kein Thema für das Dorfgasthaus, es ist nicht einmal ein Thema für den Küchentisch mit den Geschwistern, da macht es unbedingt Sinn, eine 100 % verschwiegene und neutrale, nicht bewertende Unterstützung – eine*n Psychologen*in oder eine*n Psychotherapeuten*in – zu besuchen.
Ganz besonders notwendig werden Gespräche mit geschultem Personal beim Thema Suizidalität. Man darf Menschen, die sich das Leben nehmen möchten, keinesfalls mehr allein lassen. Man sollte als Laie aber auch nicht glauben, dass man mit Suizidgedanken und -versuchen von Angehörigen selbst fertig werden könnte.
Hier gilt es, ohne zu zögern Hilfe zu holen. Zuerst, indem man die 142, die Telefonseelsorge anruft, oder einen Chat auf telefonseelsorge.at beginnt; und dann die Rettung ruft. Man würde immer die Rettung rufen, wenn jemand eine klaffende blutende Wunde hat, was könnte eine größere Wunde sein, als sich das Leben nehmen zu wollen?
Und schließlich geht es im achten Kapitel dann noch um Ängste, ganz besonders um Ängste vor der Zukunft.
Denn die eingangs erwähnte „mental health days“-Studie 25 spricht zwar von einer Zunahme der Lebenszufriedenheit mit dem nahen Umfeld der Kinder und jungen Erwachsenen und von einer Abnahme an depressiven Symptomen – aber diffuse und generalisierte Ängste in Bezug auf die eigene Zukunft sind leider immer noch geblieben. Inflation, Klimawandel, Krieg etc. … all diese Einzelthemen scheinen unlösbar, insbesondere aus Sicht eines Kindes, das sich hilflos fühlt.
Wir können diesen Ängsten dann am wirkungsvollsten begegnen, wenn wir uns in Zukunft nicht nur mit der Sanierung entstandener psychischer Probleme beschäftigen, sondern wenn wir versuchen, an einer Gesellschaft mitzuwirken, in der weniger Menschen krank werden.
Und dazu möchten die Autoren*innen von „Jugend unter Druck“ einladen: Jede und jeder von uns darf Dinge weiterentwickeln, wenn er oder sie glaubt, man könnte etwas besser machen. Wir müssen nicht darauf warten, bis uns irgendwelche Autoritäten dazu auffordern oder einladen.
Jede und jeder von uns darf Dinge weiterentwickeln, wenn er oder sie glaubt, man könnte etwas besser machen.
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