Edith Stein. Brückenbauerin

  • Peter Stöger Peter Stöger

Das Leben von Edith Stein

Teresia Benedicta a Cruce, Edith Stein, stammt aus Breslau. Hier, in diesem mit der Österr.-ungarischen Monarchie tief verbundenen Raum, ist sie am 12. Oktober 1891 geboren. Ihr Lebensende findet sich wieder in Schlesien, dem traurigsten Ort, ebenfalls mit der österreichischen Geschichte verbunden: Auschwitz. Dort musste sie am 9. August 1942 wegen ihrer Herkunft, nicht etwa deshalb, weil sie Klosterfrau war, ihr Leben lassen. Noch ohne Häftlingsnummer kam sie am Einlieferungstag zur Vergasung. Aus dem Zug hatte sie noch ein Zettelchen mit Grüßen an die Mitschwestern geworfen. Dieser Tag ist auch ihr Gedenktag.  

Sie, Jüngste von zehn Geschwistern, vier hatte sie bereits vor ihrer Geburt verloren, musste schon im ersten Jahr den Vater vermissen. Ihre Religion wurde nicht direkt durch eine Konversion abgelöst, vorgeschaltet war eine atheistische Phase. 1922 datiert ihre Taufe in Bergzabern. 1933 trat sie bei den Unbeschuhten Karmelitinnen in Kölns Maria vom Frieden ein, beides schmerzte ihre Mutter (Schober, 2018, 318 FN 43). 1923–1932 unterrichtete Stein in Speyer (am Dominikanerinnenlyzeum St. Magdalena) Deutsch und Geschichte – mit Philosophie und Psychologie die Studienfächer in Breslau, Göttingen und Freiburg i. Br. (wo sie promovierte).  

Bald gerät sie in Gefahr. So wechselt sie 1938 in den Karmel nach Echt. Hier tut sich ein kleiner Parallelfall zum Innsbrucker Mädchen Ilse Brüll auf, das auch nach Holland kam. Vorerst ist sie als Pförtnerin in Sicherheit. Zuvor hatte sie ihre Lehrtätigkeit (1932/1933) in Münster aufgegeben. Pförtnerin war die Schwester zeitlebens, hat sie doch so vielen die Tür zu einem tieferen Leben eröffnet. Die Sicherheit dauert nur bis 1940. Wie Anne Frank und die erwähnte Ilse Brüll gerät sie über Westerbork nach Auschwitz. Rettungsversuche, sie mit ihrer Schwester in die Schweiz zu bringen, scheitern. Ihr Todes- und Gedenktag ist der 9. August 1942.  

Johannes Paul II., ebenfalls Schlesier, hat Edith Stein 1987 selig- und 1998 heiliggesprochen. Kirchlich gilt sie als eine Patronin Europas. In die Geschichte ging sie als Märtyrerin ein, eine Titulation, die christlicherseits monopolisiert, irrlichtig ist, denn sie wurde primär nicht wegen ihres christlichen Glaubens, sondern wegen ihrer jüdischen Herkunft zu Tode gebracht.

Denkmal für ermordete Juden und Jüdinnen in Berlin.

Edith Stein und die Pädagogik

Was das heißt, sich mit Pädagogik zu beschäftigen, mündete bei Edith Stein in die Frage: „Haben Sie einmal darüber nachgedacht, was Pädagogik ist?“ (in: Haderlein, 2011). Je komplexer die Frage, desto wichtiger sei es, die Frage zu den Prinzipien zurückzuführen. „Man kann keine Klarheit darüber bekommen, wenn man nicht Klarheit in allen Prinzipienfragen hat.“ (in: Hadelein, ebd.) Dieser Blick auf das zum Grunde hin Gesetzte macht Stein für viele sperrig. Was sie mit Teilhard de Chardin und mit Igor Caruso in Korrespondenz bringt, ist der teleologische Blick auf Bildung und der Gedanke eines relationalen Prinzips. Darin wird sie eine Brückenbauerin zur Vorstellung von Partizipation: Jeder*jede ist Lehrer*in wie Schüler*in (zentraler Gedanke der „Schuel“ in Chassidismus und in Bezug auf die Befreiungspädagogik Paulo Freires). 

Stein war eine Schülerin von Husserls Phänomenologie. Dabei geht es um eine nüchterne Zugangsform, Erscheinungen der Wirklichkeit zu erkennen. Dieses Verstehen ist zugleich mit Herzensbildung verknüpft. Das phänomenologische Motto: Zu den Sachen selbst kommen (vgl. Spiss, 2010). Pädagogik ist ihr dabei eine via regis zum Sinn dieser Phänomene, der uns in den „Niederungen“ des Alltags begegnet – Gottesnähe und Alltag, das ist immer Kern mystischer Sprache.  

Die Schärfung erlaubt in diesem Sinne, die Schritte zu bereiten, die für eine bewusstseinsbildende Pädagogik entscheidend sind, womit Edith Stein Paulo Freire nahekommt. Sie umfasst Endlichkeit, wenn sie sich am Beispiel von Johannes vom Kreuz mit der Aufgabe letzter Sicherheiten befasst. Das Dunkel bleibt auf dem Weg zur Mystik niemand erspart (vgl. Stein, 1983: 164). (Dann etwa, wenn sie von der „Abwesenheit Gottes“ spricht: ebd, a. FN 159; s. a. Dionysius Worte vom „Strahl der Finsternis“, in: Stein, ebd. FN 152). Sie betont das Freisein „von falscher Bindung an sich selbst und an andere“ (1988:29) – mit Buber Voraussetzung, dass aus Begegnung (auch im Klassenzimmer) nicht Vergegnung werde.
Das im Sinn (Wieder-)Gefundene, leuchtet für Edith Stein in Leid oder Glück. Stets bleibt ein Dunkel, was sich ja auch in ihrem Weg, dem in die Vernichtung, zeigt.

Allemal ist der Mensch vor eine große Leere gestellt, ehe er, Sicherheiten los, zu einem Numinosen durchbrechen kann. Im Angesicht der Leere machen aber viele einen Rückzieher und befüllen die Leere mit einem consumo ergo sum (das Schulkind soll ja zu einem markentauglichen, handy-wischfähigen Objekt „erzogen“ werden). 

Dialogpädagogisch-spirituell spricht sie die „Berührung von Person zu Person“ an (vgl. H. Gerl-Falkovitz, 2022: 6). Induktiv führt Stein zu einer Tiefenschichtung des Menschen (vgl. E. Spiss, 2010). Das im Innersten Geschehene und Geschichtete, so oft Versteckte, Verlorene und an überraschenden Ecken und Enden des Lebens (Wieder-)Gefundene, leuchtet für Edith Stein, Teresa von Avila getreu, im Alltag auf. Es wird solcherart, ich leihe mir Worte Heideggers aus, zu einem apophainesthai (Es lässt sehen, wovon die Rede ist).

Jeder und jede ist Lehrer*in wie Schüler*in.

Kreuzeswissenschaft

Edith Stein entwickelt in „Kreuzeswissenschaft“ (ein Titel, der so gar nicht modisch klingt) eine Theologie als Lebenslehre unter der Vorzeichnung des Kreuzes. Dabei führt sie in das Opus ihres Ordensvaters ein. Als Konvertitin hatte sie ein Gespür für Brückenschläge und wusste um Ufer und das Dazwischen-Gelegene. Dabei wird klar, dass das Kreuz ein Lebenssymbol ist.

Ähnlich wie Buber, Rosenzweig und Ben Chorin wurde sie zu einer Figur, die Christentum und Judentum näherbrachte. Doch der Vergegnungen gab es viele. Bezeichnend ist ja, dass Edith Stein in Walter Biemels Monographie zu Martin Heidegger (1978) keinerlei Erwähnung findet. Von 1932 bis 1933 lehrte Stein am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik-Münster. Sie engagierte sich in Mädchenbildung, Lehrer*innen- und Erwachsenenbildung. Dabei war ihr die Frauenfrage wichtig, ein Thema bei dessen Bearbeitung sich die Kirche schwertut. Offensichtlich ist es aber leichter, Leute heilig zu sprechen, als sich an deren Lebensthemen zu halten. 

Edith Stein hatte zu Heidegger und Husserl eine Beziehung, die sich mit Buber „Vergegnung“ umschreiben lässt. Beide beuteten Stein aus (zu Heidegger: vgl. Schober, 2018, 322, FN 61). Beide haben sie knallhart fallen lassen, als es um ihren herangetragenen Habilitationswunsch (für Freiburg i. Pr., Hamburg, Göttingen und Breslau, vgl. Schober 2018, 323, FN 64) ging. Frau, Jüdin und auf dem Weg zur Privatdozentin, das reimte sich für sie nicht. Sie war jedoch gut genug, Husserls Geistesblitze, die er in Form von Gedankenzettelchen auch einmal auf den Boden fallen ließ, zusammenzufügen und zu ordnen. Sie hätte es verdient für diese Redaktionsarbeit, wenn schon nicht als Mitautorin, so doch als redaktionelle Gestalterin gewürdigt zu werden. Nichts davon. Die Uni war und blieb in vieler Hinsicht ein reiner „Machobetrieb“. 

Edith Stein schrieb 1933 an Pius XI. gegen die Verfolgung der Juden öffentlich seine Stimme zu erheben (das geschah aber erst vier Jahre später). Wie dann auch sein Nachfolger erachtete er die Gefahr des Kommunismus als noch höher ein. Edith Steins Wunsch verhallte. Wiederum Vergegnung. Sr. Edith Stein hat das kennengelernt, was die alte lateinische Vanitas, die Nichtigkeit des irdischen Lebens, bedeutet. In diesem Erkennen gelangte sie zur Fülle des Lebens. Der Preis war bitter.  

Stolperstein Edith Stein

Brückenbauerin

Ähnlich wie Martin Buber wurde Edith Stein zu einer der großen Figuren, die Christentum und Judentum näherbrachten. Sie entwickelte in „Kreuzeswissenschaft“ eine Theologie als Lebenslehre. Dabei führt sie in das Opus ihres Ordensvaters ein. Als Konvertitin hatte sie ein besonderes Gespür für Brückenschläge und wusste um Ufer und das „Dazwischenliegende“. Dabei wird klar, dass das Kreuz ein Lebenszeichen ist.
Edith Stein fühlte sich immer solidarisch als Jüdin. Der erste in Polen verlegte Stolper­stein in Breslau ist ihr gewidmet. In symbolischer Nähe zu Innsbrucks Edith Steinweg ist in eben dieser Straße die Ilse-Brüll-Schule. Mit Buber: „Begegnung“.

Als Konvertitin hatte sie ein besonderes Gespür für Brückenschläge und wusste um Ufer und das „Dazwischenliegende“.

 

Literatur:

  • Biemel, Walter (1978). Heidegger, Reinbek: Rowohlt
  • Gerl-Falkjovitz, Hanna-Barbara (2022): „Reine Entfaltung der Individualität". Zu Edith Steins Bildungsbegriff, in: Ökum (Innsbruck), 3-2022, 6–7
  • Haderlein, Cordula (2012): Die Bildungsphilosophie Edith Steins, in: https://cdim.pl/cordula-haderlein-die-bildungsphilosophie-edith-steins,3727/pbo/2, abger. 03.11.2022
  • Herbstrith, Waltraud (2004): Edith Stein. Jüdin und Christin. Ein Porträt, München: Neue Stadt
  • Schober, Angelika (2018): Edith Stein und der Erste Weltkrieg, in: Kairoer Germanistische Studien (Kairo), Band 23, August 2018, S. 309–328 https://kgs.journals.ekb.eg/article_105986_6747a8f444c584f9392d1c1949b33cc9.pdf (abger. 03.11.2022)
  • Spiss, Eberhard (2010): „Das, was sich zeigt – eine Einführung in die Phänomenologie“, Vortrag in Bad Wörishofen an der Schule f. Existentialpsychologische Therapie und Naturtherapie, dem Autor zur Verf. gestelltes Manuskript vom August 2010
  • Stein, Edith (1988): Vom Endlichen zum Ewigen. Textauswahl Maria Amata Neyer, Kevelaer: Butzon u. Bercker
  • Stein, Edith (1983): Kreuzeswissenschaft. Studien über Joannes a Cruce, Druten und Freiburg i. Br.: Uitgeverij „De Maas & Waler“/Herder
  • Verwiesen sei auf die Edith-Stein-Gesamtausgabe (ESGA) in 27 Bänden (Herder), Hg.: Karmel-Köln
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Peter Stöger
Peter Stöger DDr.

Peter Stöger ist Dozent am Institut für Lehrer*innenbildung und Schulforschung an der Universität Innsbruck und Buchautor.

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